Tuesday, March 13, 2007

Jon Regen 1: "Ich will alles frei entscheiden können und immer besser werden"


Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)


Was ist künstlerische Freiheit für einen Jazzer wie JON REGEN? Schließt sie das Bedürfnis nach privater Freiheit mit ein? - Oder läßt sich beides gar mit "Popularität" vereinen? - Eine Diskussion mit ELFI OBERHUBER, die unter gegenwärtigen kulturpolitischen Bedingungen auch für Österreich hoffnungsvoll ist, auch wenn das Problem weder privat, noch musikalisch leicht für den Musikkünstler in Harmonie zu bringen ist.

Kurzprofil JON REGEN (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) gilt momentan als "die" Entdeckung New Yorks. Der Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären Jazzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen nicht nur Frauen. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine neue CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. - Wieder ein gänzlich neuer Auftritt, indem er eine weitere Facette seiner Selbst realisiert.

- In welcher Verbindung Jon Regen zu Jazz-Bandleader Kyle Eastwood und dem Underground- Club- Jazz- Genre steht, erfährt man über intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / WATCHER (bzw. TIPPS) / Archives: March. Titel: TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN

- Die Kritik zu Jon Regens Almost Home-Konzert ist zu finden in: intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / CRITIC / Archives: February. Titel: MUSIK: ENTDECKUNG JON REGEN AUF "ALMOST HOME"-TOUR IN WIEN



Private u
nd künstlerische Freiheit als Gegensatz

Text (Deutsch-Annäherung zu) - Jon Regens Song
What Am I Supposed To Do From Here/
Was soll ich von hier aus tun?
(in CD: Almost Home, 2004)


intimacy-art: Was ist für Sie "Freiheit"?
JON REGEN: Die Möglichkeit, den eigenen Kurs zu wählen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ob nun in der Musik oder im Leben.
intimacy-art: Brauchen Sie diese Freiheit auch privat, um sich wohl zu fühlen?
REGEN: Ich habe zumindest das Bedürfnis, die Grenzen in mir zu erforschen und sie gegebenenfalls niederzureißen. Außerdem möchte ich nirgends hinein geboxt werden. Weder musikalisch, noch in einen Job, von dem die Gesellschaft meint, er entspräche einer normalen Existenz. Musiker geworden, bin ich nur wegen der Musik. Da die Freiheit vor allem dem Jazz innewohnt, muß sie als Lebensstil nun mal mit erforscht werden.
intimacy-art: Mein Eindruck war aufgrund Ihrer Musiktexte in "Almost Home", dass Sie eher eine Schutzzone brauchen. Also eigentlich das Gegenteil von privater Freiheit.
REGEN: Diese Lieder schrieb ich während einer Zeit, als ich mit dem Jazzsänger Jimmy Scott tourte. Ich wollte einerseits das erste Mal lieber zuhause sein, weil ich gerade eine Beziehung eingegangen war, andererseits war ich glücklich darüber, meine Träume des Jazzreisens endlich als bewahrheitet zu erleben. Das war sehr hart.
intimacy-art: Wollen Sie privat genauso frei sein wie als Künstler?- Viele Männer wollen ja intim frei sein, indem sie jede Nähe meiden.
REGEN: Meinen Sie sexuelle oder romantische Freiheit?
intimacy-art: In jeder Hinsicht. Diese Männer haben Sex, aber es ist ein kalter Sex.
REGEN: Nein, nach so einer Freiheit sehne ich mich nicht wirklich. Ich glaube, wir suchen alle nach einer Heimat, nach jemandem, mit dem wir das Leben durchlaufen wollen. Das halte ich für eine schöne Sache.
intimacy-art: Aber in den Momenten, als Sie diese Lieder schrieben, wirken Sie verloren und verlassen. War das so?
REGEN: Diese CD schöpft aus einer sehr herausfordernden Beziehung, wobei einige Songs aus dieser Art von Rollenspiel heraus geschrieben wurden. Aus meiner Vorstellung zu fragen: "Was wäre, wenn diese Beziehung perfekt wäre, sodass ich nach hause kommen wollte?" Tatsächlich war sie sehr schwierig. Der autobiografischste Song ist wohl, What Am I Supposed To Do From Here, den ich an diese Person als Liebesbrief geschrieben habe, der sagt: "Ich weiß nicht, wie ich sein soll, damit ich bin, wie du willst, dass ich bin." Das haben Sie also treffend wahrgenommen. Es ist ein autobiografisch-poetisches Album, worin ich zwischen zwei Orten pendle und um eine Lösung ringe.
intimacy-art: Es ist sicher Ihre persönlichste CD.

Von der Persönlichkeit zur Popularität

REGEN: Gleichzeitig hat sie etwas Leichtes und Frisches, als erste CD mit Liedern, Text und Gesang von mir. Die neue CD wird viel - dunkler nicht, aber - tiefer, indem sie ausforscht, was passiert, wenn alles auseinander fällt, und man sich von dort aus weiter zu bewegen versucht. Lieder-Schreiben ist also eine Reise. Und den Ort, wo ich jetzt bin, empfinde ich als sehr, sehr befriedigend. Weil ich mich dem nähere, wo ich meine eigene Geschichte erzähle.
intimacy-art: Mir kommt das nicht ganz so vor. - Das wollen wir aber aufrollen. - Wie muss das Umfeld sein, dass Sie sich künstlerisch frei fühlen?
REGEN: Ich bin sehr darauf konzentriert, zu entscheiden, was ich spielen will. Selbst im jetzigen Punkt meiner Karriere, wo mich dauernd Leute bitten, bestimmte Lieder und Stile zu spielen.
intimacy-art: Ich habe das Gefühl, Sie wollen in Ihrer neuen CD populärer sein.
REGEN: In negativem Sinne?
intimacy-art: Ohne es zu bewerten. - Wären Sie gerne populärer?
REGEN: Es sollen zumindest mehr Leute meine Musik hören. Im Sinn von Geld und Ruhm möchte ich nicht populärer sein. Als Künstler willst du möglichst viele Menschen berühren. Du machst die Musik nicht für die Familie, deine vier Wände.
intimacy-art: Für mich halten Sie in der Jazz-CD "Tel Aviv" das hohe Niveau in der Musik, also im Klavierspiel, wie in "Almost Home" im persönlichen Touch, insbesondere durch Text und Gesang. "Let It Go" scheint mit Produzent Brad Albetta und The-Police-Gitarrist Andy Summers Popularmusik mit Underground-Flair zu werden, wo sich das Niveau auf mehrere Leute aufteilt.
REGEN: Wir haben alle viele Seiten in uns. Brad Albetta steckte mich jetzt mit der Idee an, meine Lieder und meine Stimme so zu rahmen, dass sie wirklich die CD ausmachen. Und da ich mir dachte, nicht alles selber machen zu können, ich zudem Lust auf Neues hatte, war das für mich ein sehr interessanter Prozeß. Außerdem ist Andy Summers ein Freund von mir, mit dem ich immer spielen wollte. "The Police" war immer schon meine Lieblingsband.
intimacy-art: Sie haben aber eine andere Stimme als Sting. Sie könnten sogar Rock singen. Sie haben eine herbe, männliche Färbung.
REGEN: Hoffentlich. Aber wissen Sie, im Vergleich zu anderen Jazzmusikern, bin ich nicht darin gefangen, die Vergangenheit wieder zu erwecken, indem ich immerzu dieselbe CD "wiederhole". Ich mache lauter verschiedene CDs. Das sollte das Prinzip sein.

Jazz mit der Sensibilität des Pops

intimacy-art: Aber bei "Almost Home" denkt man auch an Billy Joel, vielleicht gemixt mit Jamie Cullum. - Mögen Sie Billy Joel?
REGEN: Ich liebe ihn. - Als amerikanischer Pianist wächst du mit bestimmten Leuten auf, die deine Helden sind. Ich bin ein Kind der 80-er. Mich beschäftigten Billy Joel und Bruce Hornsby, Leute, die wirklich einen eigenen Klang am Piano haben. Ich selbst versuchte immer schon, auch "Jazz" mit der Sensibilität eines Pop-Musikers zu spielen. In der Popmusik hast Du nur ein paar Minuten, um jemanden zu berühren. Beim Jazz spielen die Musiker zwanzig Minuten und sind noch immer nur selbst gefangen. Das stört mich. Ich gehe davon aus, dass die Leute irgendwo hin getragen werden wollen. Die Musik bedeutet für sie so viel wie für mich als Spieler.
intimacy-art: Wahrscheinlich gehen Sie den umgekehrten Weg als Leute wie ich, die zuerst Pop mochten und heute Jazz und Klassik bevorzugen.
REGEN: Ich wuchs mit Liedern auf, dann studierte ich das Piano, wo ich mich zum Jazz hingezogen fühlte. Und fand zurück zu den Liedern. Denn für mich ist ein guter Song zeitlos. Wie Jazz-Standards, sodass die Leute noch My Funny Valentine hören wollen. Das Lied hat ein Leben für sich selbst. Ich wollte ein paar solche Lieder schreiben. Mir geht es um die Melodie, die Message, die Berührung von jemandem, der nicht unbedingt ein Jazz-Freak sein muß, sondern sagt: "Ich weiß nicht, was ich mag; ich weiß nicht, wie ich es nennen soll; aber ich mag, was du machst."
intimacy-art: Vielleicht geht es Ihnen wie mir im Journalismus: Ich möchte in eine Ebene gelangen, wo ich eine bestimmte, intellektuelle Qualität halte, also nicht nur ein Standard-Interview mache, aber gleichzeitig mehr Leute erreiche, als die elitäre Kultur-Gemeinschaft.
REGEN: Sagen wir so: Ich möchte auf höchstem künstlerischem Niveau arbeiten, und gerade deshalb soll die Musik viele Leute anziehen. Ich bin kein Popmusiker, obwohl ich Popmusik liebe. Ich selbst möchte nur immer besser schreiben und spielen. Und jedes Lied und jede CD muß sich vom Vorigen unterscheiden. Auf Let It Go ist einiges jazziger, einiges popiger, einiges sehr produziert und einiges sehr nackt: nur mit mir und dem Piano.

Wie Persönliches persönlich kommt

intimacy-art: Wird der Text wieder persönlich?
REGEN: Noch persönlicher.
intimacy-art: Ich habe zwar nur den Text von "Come Close To Me" gehört, mir aber gedacht, diese Erotikbeschreibung kommt mir vom Pop her bekannt vor.
REGEN: Welches Gefühl wurde denn nicht schon vorher in der Popmusik geäußert?
intimacy-art: Den Text in "Almost Home" finde ich poetischer. Der Neue ist direkter, geht aber Hand in Hand mit dem popigeren Sound.
REGEN: Sie sollten genauer hin hören: Dieser Song wurde sehr spät in der Nacht geschrieben. Es war eine Liebesbekundung an jemanden. Tatsächlich schrieb ich ihn nach einer Periode, wo ich sehr lange Zeit allein gewesen war. Dann kam diese Person, die mich wirklich aufgeweckt hat. Und es geht nicht nur um sexuelle Energie. Da gibt es diese Zeile ...
intimacy-art: ... "Fühlst du, wie nah wir uns heute Nacht sind? Du bist so tief in mir. Ich möchte deinen Atem spüren und habe tausend mal davon geträumt." - Das hat sich jeder schon einmal gedacht.
REGEN: Es ist ein universelles Gefühl.
intimacy-art: Ja, es ist auch nett, dass Sie es sagen. Aber ich habe es nicht so geglaubt, wie die Texte in "Almost Home". Ich hab´s irgendwie konstruiert empfunden. Aber vielleicht irre ich mich.
REGEN: Sie müssen es hören, wenn es heraus kommt.
intimacy-art: Ja. - Sie wurden also nicht populärer, weil sie jetzt verheiratet sind und eine Familie gründen wollen?
REGEN: Nun, ich bin nicht verheiratet. Ich war verheiratet.
intimacy-art: Ah, das ist schon wieder vorbei?!
REGEN: Das dauerte nur sehr kurze Zeit. - Wie war die Frage?
intimacy-art: Werden Sie populärer, um eine Familie gründen und ein sicheres Leben führen zu können?
REGEN: Dass ich deshalb weniger populär sein will?
intimacy-art: Ich dachte: Sie wollen mehr Geld verdienen, um Ihre Familie ernähren zu können.
REGEN: Nein, ich treffe nie Musik-Entscheidungen wegen des Geldes.
intimacy-art: Aber wir wissen doch, dass Jazz-Musiker oft nicht mal genug Geld zum Essen haben.
REGEN (lacht)
intimacy-art: Vielleicht waren Sie ja nie in der Situation ...
REGEN: Haben Sie das Gefühl, dass ich meine Musik wegen des Geldes mache?
intimacy-art: Nein. Aber es sind Lieder, die "gefallen".
REGEN: Nun, Sie haben da ein Lied gehört, das das Poplastigste auf dem Album ist. Die neue CD enthält viele verschiedene Gefühle. Als Songwriter sage ich: Ein Song muß bedient werden. Wenn ein Song eher populär ist, werde ich ihn nicht in ein extra-künstlerisches Setting setzen, nur damit die Leute nicht sagen: "Ah, du mußtest populärer werden!" Und dass ich Andy Summers auf der CD habe, war eine gänzlich künstlerische Entscheidung. Ich ließ ihn machen, was er wollte und sagte: "Spiel, was du hörst und was du fühlst." Ich treffe keine Musikentscheidungen, die auf Geld beruhen. Hoffentlich machst du aber Geld mit der Musik, die du zu machen liebst.

Da dieses Gespräch vor Regens Konzert stattfindet, muß der Singer-Songwriter kurz für einen Toncheck unterbrechen. So tun auch wir das an dieser Stelle.

Im letzten Teil 2 bald auf dieser Site: Wie Jon Regen im Elternhaus den Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst mit bekam und welche zwiespältigen Gefühle tatsächlich hinter seinen Liedern stecken.
(Interview-Auszug vom 03.02.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Sunday, January 07, 2007

"Mich interessiert nicht die Scham, sondern das, wofür Liebe steht", Elke Krystufek 3


Bild: „L’épousée“, 2005 © Elke Krystufek, (dt: Die Geheiratete = Die Angepaßte), Foto: MAK/Georg Mayer, 2006


Letzter Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit der bildenden Künstlerin ELKE KRYSTUFEK über "Scham". Anläßlich ihrer aktuellen Ausstellung Liquid Logic im Wiener MAK. Für die Teile 1+2 und Einführung scroll down.


Wie echt ist Elke Krystufeks Liebe zu Vladimir und Donat?

intimacy-art: Glauben Sie, dass sich das Maß an Schamgefühl eines Künstlers im Laufe der Jahre ändern kann? Auch im Investieren des Körpers bzw. eigener Schamteile, vor allem, wenn das Privat- und Sexualleben mit einem Partner intakt ist, den man wirklich liebt?
KRYSTUFEK: Also, mein größtes Schamgefühl empfinde ich beim Gedanken, in einem Land zu leben, wo der Holocaust so viel an Kultur vernichtet hat. Das halte ich eigentlich für relevanter als die Überlegung, ob man sich jetzt privat oder öffentlich schämt.
intimacy-art: Es ist Ihnen also nie ein Partner begegnet, für den es ein Problem war, dass Sie sich jedem so freizügig zeigen?
KRYSTUFEK: Für mich hat sich diese Frage nie gestellt, weil ich in erster Linie bildende Künstlerin bin. Ob es dabei ein Privatleben gibt oder nicht, war für mich in diesem Ausmaß gar nie relevant.
intimacy-art: Jetzt habe ich in der Ausstellung aber tatsächlich Männer gefunden, die Ihnen besonders viel zu bedeuten scheinen: der Donat und der Vladimir.
KRYSTUFEK: Wer ist Vladimir? (lacht heftig) Den kenne ich nicht.
intimacy-art: Er kommt in einem sehr sehnsüchtig blickenden Selbstporträt von Ihnen im Titel "Dear Vladimir, Love Lolita, 2006", vor.
KRYSTUFEK: In der Zeichnung wird nur Vladimir Nabokov zitiert.
intimacy-art: Und wer ist Donat?
KRYSTUFEK: Donat ist der Kameramann, der die Filmmusik geschrieben hat, der dadurch zu einer der Hauptpersonen des Films wurde. Er bringt im Rahmen dieser MAK-Ausstellung auch seine erste CD heraus: Let me say your name - Donat.
intimacy-art: Ist das Ihr Freund? Man könnte es vom Porträt her annehmen, das Sie von ihm gezeichnet haben. Weil Sie sonst ja meistens nur sich selbst zeichnen.
KRYSTUFEK: Wir kennen uns absolut nur auf beruflicher Ebene.

Elke Krystufeks Panton-Sessel-Assoziation, der einst für Erotikdesign stand: Panton Stuhl (2004) auf Happy Penis, 2006 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Natascha Kampusch - Bild von Freiheit und Einsamkeit

intimacy-art: Nun haben Sie die MAK-Ausstellung unter den Begriff "History" gestellt, wobei Sie mit Ihren Werken mit Verführung, Lust, Erotik und Zärtlichkeit den Rahmen bilden: Ihre (Selbst)porträts stellen Sie dabei mit dem Kunstbegriff in Zusammenhang. Das besetzen Sie aber auch mit Widersprüchen wie "Natascha und die Freiheit", was den Betrachter in diesem Rahmen auch "Kunst und die Freiheit" assoziieren läßt -...
KRYSTUFEK: Natascha Kampusch und Freiheit haben ja nicht viel gemeinsam. Dahinter liegt die Idee, niemanden einsperren zu dürfen.
intimacy-art: Genau. Sie haben es aber unter diesen Kunstgeschichte-Titel gesetzt.
KRYSTUFEK: Es gibt da den Zeitungstitel Natascha und die Idee von Freiheit (Natascha the odd idea of freedom), aber als Reflexion darüber, dass ihr Peiniger sie eingesperrt hat. Seine Idee von Freiheit bzw. freiem Leben war ja offensichtlich, jemanden einzusperren.
intimacy-art: Ich hätte mir eher gedacht, dass Sie, nachdem Natascha geflohen ist, infragestellen, ob sie jetzt frei ist?
KRYSTUFEK: Jetzt ist sie schon endlich frei.
intimacy-art: Das sehen Sie ausnahmsweise also einmal wirklich konkret wie im Leben. Mich verleitete es daran zu denken, dass man als Mensch sowieso nie frei ist, und da das im Kunstzusammenhang hängt, dass man in der Kunst eventuell auch nie frei ist.
KRYSTUFEK: Nein, es ging wirklich um diesen konkreten Fall, der mich anfangs sehr interessierte, bevor er so sehr zur Mediengeschichte wurde, dass ich ihn nicht mehr verfolgt habe. Von dieser Geschichte hatten sich offensichtlich viele Frauen angesprochen gefühlt, die vielleicht auch durch ein zu hohes Maß an Kontrolle geprägt sind. Es interessierte mich aber auch die Einsamkeit, die einen Menschen dazu treibt, einen anderen für sich einzusperren.

Elke-Krystufek-Haltung: für die MAK-Ausstellung bei einem Stuhl von Raimund Abraham: Liquid Logic + Raimund Abraham © Elke Krystufek/MAK, Liquid Logic, 2006, Foto: Georg Schwarz

Kunst- und Privatliebe - zwei zu trennende Lieben

intimacy-art: Sie setzen sich selbst nun als Rahmen um diese großen Werke herum, als würden Sie sich in gewisser Weise schon jetzt ein eigenes Denkmal setzen. Als größte Liebe, als größtes Ziel. Im Verhältnis zu den weniger präsenten, realen geschriebenen Liebeswünschen wie "I just was waiting - who waits wins - die Herzspinne", dominieren Ihre Liebesbezüge zur Kunst wie zu Jackson Pollock.
KRYSTUFEK: Bei ihm geht es mir um den orgasm, in Wahrheit aber sehr stark um Sprachspiele. Das kann man nun nicht eins zu eins lesen. In der Ausstellung gibt es sehr viele Spiele der Sprache mit sich selbst. Ein Teil meiner Sprache kommt sehr stark aus der Popkultur, der andere aus der Literatur oder Kunstgeschichte. Und diese verschiedenen Sprachen spielen miteinander.
intimacy-art: Aber sehen Sie, jetzt muß ich Sie halt direkt fragen, letztenendes die Kunst als Ihre große Liebe an? Weil man darin Ihre ganze Persönlichkeit ehrlich ausgedrückt sieht?
KRYSTUFEK: Kunst ist ein Bedeutungssystem, sie ist selbst eine Sprache. Sprachen sind weder ehrlich, noch unehrlich.
intimacy-art: Aber Ihr Ansatz, sich dem zu stellen, kommt wohl aus einem ehrlichen Impuls heraus?
KRYSTUFEK: Ich weiß nicht, ob Ehrlichkeit wirklich ein künstlerisches Kriterium ist. Es geht darum, Zeichen herzustellen, Zeichen infrage zu stellen, in dem Fall, Designobjekte wie den Panton-Sessel, der einst für eine bestimmte Form von Erotik und Design stand, neu zu definieren, oder das Swastika-Symbol mit etwas Unvereinbarem wie Minori in einem Raum zusammen zu zeigen, und damit Behauptungen aufzustellen, dass wir uns vom Ausmaß der Gewalt in diesem engeren Kulturkreis entfernt haben, weil es jetzt möglich ist, Themen zu diskutieren.
intimacy-art: Dann kann man bei Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, wie Sie die Pole Liebe, Scham und Kunst setzen? Vielleicht kann man das als Künstler selbst auch gar nicht sagen. - Konkret: Ist Ihnen private Liebe genauso wichtig wie Liebe zur Kunst?
KRYSTUFEK: Das sind Fragen, die ich mir so nicht stellen würde.
intimacy-art: Sie leben es einfach.
KRYSTUFEK: Mich interessiert Liebe als Transzendenz in der Ausstellung, das, wofür Liebe steht. Im Zusammenhang mit der Ehe interessiert mich das als Künstlerin schon vor allem kulturhistorisch.
intimacy-art: Genau, das mit der Ehe fand ich ja auch interessant. Sie haben geschrieben, "Next time, I will say yes". Das steht aber wieder im direkten Bezug zur Kunst. Oder ist das privat gemeint?
KRYSTUFEK: Nichts, was in dieser Ausstellung ist,...
intimacy-art: ...ist privat gemeint. (zusammen gesagt) lacht
KRYSTUFEK: ... ist privat gemeint. (zusammen gesagt) lacht ... Die ganze Ausstellung ist history, bezieht sich also auf die Kunstgeschichte, konkret die historischen Designobjekte des MAK, mit denen ich mich mit meiner Kunst auseinandersetze.


Magic Places, 2005 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006, ist eines der Werke, worin Elke Krystufek ihre wahre Sehnsucht nach echter Liebe zeigt. Selbst wenn darauf fast unmerklich der Satz "The Libido in the Gaze" (Der Trieb in erstarrtem Blick) das Ganze wieder in coole Ironie setzt.

(Interview-Auszug vom 5.12.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Tuesday, January 02, 2007

"Ob ich die Scham eines anderen verletze, kann niemand beantworten", Elke Krystufek 2


Bild: Mrs. Wiener Werkstätte, 2006 © Elke Krystufek
Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Zweiter Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit der bildenden Künstlerin ELKE KRYSTUFEK über "Scham". Anläßlich ihrer aktuellen Ausstellung Liquid Logic im Wiener MAK. Für Teil 1 und Einführung scroll down.

Menschen schämen sich wie Tiere (nicht)

intimacy-art: Jetzt ist es vom Defintionsbegriff her so, dass die Scham erst dann entsteht, wenn der Mensch - bzw. auch das Tier, das Kind - ein Gegenüber als Gegenüber wahrnimmt. D.h., wenn das Kind merkt: Das ist der Andere, und das bin ich, fängt es an, sich zu schämen. In dieser Hinsicht trägt Scham zur Selbstfindung und letztendlich zur Sozietät bei. Sehen Sie das auch so?
KRYSTUFEK: Ich glaube, dass bei Kindern Scham anerzogen wird. Angesicht von Tieren empfinden wir nicht unbedingt Scham. Sonst würde niemand nackt baden gehen.
intimacy-art: Tiere empfinden aber gegenüber dem Menschen bzw. anderen Tieren Scham. Wenn sie aufs Klo gehen, zum Beispiel die Katzen.
KRYSTUFEK: Hunde nicht unbedingt. (lacht)
intimacy-art: In dem Fall hätte Scham mehr mit Angst zu tun, dem Wunschbild des anderen nicht zu entsprechen.
KRYSTUFEK: Scham hat sehr viel mit Erziehung zu tun und hat natürlich eine gesellschaftliche Funktion: weil Sexualität reglementiert sein muß, einfach, um die Aufzucht von Kindern zu gewährleisten. Gäbe es so etwas wie die Schamgrenzen nicht, wäre das Ausmaß von Sexualität wahrscheinlich so groß, dass es niemand mehr bewältigen könnte.
intimacy-art: Otto Mühl hat mit Berufung auf Sigmund Freud versucht, die Scham als für eine kultiverte Gesellschaft unstattgemäß zu verneinen. Er ist aber an seinen Machtansprüchen gescheitert. Andererseits gibt es den Beweis, dass eine Zweierbeziehung länger hält, wenn beide in ihrem Maß an Scham übereinstimmen. D.h., Schamgefühl bindet auch, wäre daher objektiv gesehen konstruktiv. Braucht es Scham also für privaten und öffentlichen Halt?
KRYSTUFEK: Es braucht Scham sicher, damit Staatsysteme funktionieren. So wie ein Staat als politisches System funktioniert, ist es notwendig, bestimmte Formen von Hierarchien zu erzeugen. Das drückt sich auch stark über Kleidung aus. Nicht aus Zufall tragen fast alle Politiker Anzüge. Oder in gewissen Restaurants besteht immer noch Krawattenpflicht. Scham läuft also nicht nur über Nacktheit, sondern auch über Kleidung und das Demonstrieren von Wohlstand.
intimacy-art: Das Schamgefühl führt damit aber auch zum eigenen Bewußtsein von Identität. Sie haben wahrscheinlichh ein anderes Schamgefühl als ich es habe, sowie jeder von uns eine eigene Identität hat. Damit wären wir beim Künstler und seiner Identität. Es heißt: man muß Identität respektieren. Jetzt haben Sie sich in dieser Ausstellung dreier großer Themen bzw. Figuren angenommen: Bas Jan Aders, des Volkes Rapa Nui und Margarete Schütte-Lihotzkys. - Verletzen Sie durch Ihre Aneignung von ihnen deren Identität, und damit die Scham dieser Künstler?

In Farbe steht das Sujet einmal für sich allein: Farewell to I'm too sad to tell you, 2005 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Als Zeichnung mit Titel The BLue Boy, 2006 bildet es andererseits den Hintergrund zum Detail der "Affengrimassen"-Sitzbank von Ferdinand Andri, 1902, aus der MAK-Sammlung (MAK-Ausstellungsansicht/Exhibition View Elke Krystufek. LIQUID LOGIC, MAK 2006, Foto: Christian Saupper/MAK, 2006)


Elke Krystufek verletzt die Scham Bas Jan Aders

KRYSTUFEK: Es stellt sich sicher die Frage, ob ich die Scham von Bas Jan Ader verletze, indem ich Arbeiten von ihm in Form von Malerei reproduziert habe und auf meine Weise wiederaufleben lasse. Andererseits kann das aber auch niemand beantworten.
intimacy-art: Ansonsten haben Sie die Kunst nicht angerührt, sondern rundum Ihre Kunst dazu assoziiert?
KRYSTUFEK: Um die Sammlungsobjekte des MAK, ja. Ich verletzte vielleicht nur die Ordnungsprinzipien der KustodInnen, bei Einzelnen möglicherweise sogar ein Schamgefühl. Andererseits wird in diesem Haus schon so lange Gegenwartskunst gezeigt, dass meine Kunst in diesem Zusammenhang jetzt auch nicht so ungewöhnlich ist.
intimacy-art: Außerdem haben Sie sich eingehend informiert, was für ernsthaften Umgang zeugt.
KRYSTUFEK: Ja. Denn mein Interesse war es, ein Feedback zu bekommen. Ich bat explizit drei KustodInnen um Texte, Ostasien-Islam-Kustode Johannes Wieninger um einen Text über das Swastika-Symbol, Metall-Wiener Werkstätte-Kustodin Elisabeth Schmuttermeier um einen Text über das Symbol des Eherings in der Sammlung und Möbel-Holzarbeiten-Kustode Sebastian Hackenschmidt um einen Text über die Wiener Küche im Verhältnis zur Frankfurter Küche. Am meisten interessierte mich aber, welche Art von Dialog möglich sein würde: zwischen bildender Kunst und Kustoden, bzw. ob es diesen Dialog überhaupt geben kann. Und ich glaube, in dem Moment, wo man einen Dialog in Gang setzt, ändert sich auch so etwas wie Scham. Scham war also nie das Hauptthema, sondern "Sammeln und Verschwinden".
intimacy-art: Und was bedeutet der Titel "Liquid Logic"?
KRYSTUFEK: Der Titel kommt aus der Architektur-Theorie und stammt aus einem Buch von Peter Weibel und Georg Flachbart, wo es darum geht, wieviele Prozesse von Computern, in meinem Fall auch vom menschlichen Gehirn, ohne bewußtes Nachdenken bewältigt werden können. Bzw.: wieviele Prozesse automatisiert werden, um entweder komplexere Architektur zu erzeugen oder auch komplexere Ausstellungen auf die Beine zu stellen.

Elke Krystufek mit Phallusnase: Vaginanose (Max Raphael revisited), 2006 © Elke Krystufek
Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Lesen Sie in Teil 3 demnächst auf dieser Site: Die echte Liebe der Elke Krystufek
(Interview-Auszug vom 5.12.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Sunday, December 17, 2006

"Ich schäme mich sicher nicht vor anderen Frauen", Elke Krystufek 1



Auseinandersetzung von Elke Krystufek mit der Sammlung des MAK,
hier die Fotoarbeit Liquid Logic + Monstranz/Monstrance

© Elke Krystufek/MAK, Liquid Logic, 2006, Foto: Georg Schwarz

Die bildende Künstlerin ELKE KRYSTUFEK ist dafür bekannt, ihren nackten Körper bis zur Großaufnahme der Vagina, für ihre Kunst einzusetzen. Wie läßt sich das aber mit dem Schamempfinden der privaten Frau Krystufek vereinen? Scham als Begriff und gesellschaftliches System - ELFI OBERHUBER konfrontierte die Künstlerin hinsichtlich ihrer aktuellen Ausstellung Liquid Logic im Wiener MAK damit und fand dabei vor allem eines: den ungemeinen Schalk der Künstlerin!

Kurzprofil ELKE KRYSTUFEK - am 16.7.1970 in Wien (Sternbild Krebs) geboren - begann bereits mit 20 als Studentin Arnulf Rainers mit ihrer ersten Performance mit Titel Aktion an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 1993: erste Einzelausstellungen in Wien und Berlin.
Bis heute hunderte Collagen, Leinwandbilder, Fotografien, Zeichnungen, Videos und Performances. Die Malerei, meist bestehend aus Schrift und Bild, ist neben der Fotografie Krystufeks bevorzugtes Medium. Unzählige, meist nackte, provozierende Selbstporträts in Rollenbildern und bis zur Grenzerfahrung dienen ihr als Projektionsfläche der Kunstfigur "Elke Krystufek", um fremd genormte Vorstellungen, Wahrnehmung von Identität, sozial bestimmte Fixierung, kulturelle Gesetze, Sex, Gewalt, Diskriminierung und Popkultur bei fließenden Übergängen von Privatsphäre, Individuum und Öffentlichkeit aufzudecken. Inter/national - auch in Museumsankäufen - gleich erfolgreich ist sie derzeit im Wiener Museum für angewandte Kunst bis 1.4.2007 unter dem Titel Elke Krystufek - LIQUID LOGIC - The Height of Knowledge and the Speed of Thought, bis 18.2. unter SIMULTAN – Zwei Sammlungen österreichischer Fotografie im Fotomuseum Winterthur, bis 7.1. durch die Sammlung Essl unter Kunst der Gegenwart im Kunstverein Villa Wessel, Iserlohn, bis 3.1.2007 unter INTO ME / OUT OF ME im Kunst-Werke Berlin ausgestellt. 2005/06 Professuren an der Akademie der bildenden Künste in Wien und Karlsruhe. Galerie- Vertretung: Georg Kargl Fine Arts , Wien.


intimacy-art: Sie stellen sich in Ihrer Kunst oft nackt als Projektiosfläche dar. Spielt dabei der Begriff bzw. das Gefühl der "Scham" eine Rolle?
ELKE KRYSTUFEK: Nacktheit war viele Jahre mein Thema und spielt jetzt nur noch eine minimale Rolle. In der MAK-Ausstellung gibt es hauptsächlich Objekte und Porträtmalerei zu sehen.
intimacy-art: Es ist aber noch immer viel Nacktheit und damit Erotik vorhanden, vor allem auch Verbalerotik. Schämt man sich als Künstler nur nicht, wenn man weiß, es ist (für die) Kunst?
KRYSTUFEK: In der Kunstproduktion geht es um andere Themen. Scham ist für mich keine künstlerische Frage, mit der ich mich beschäftige. Es gibt nur die Frage des Blicks, des männlichen, des weiblichen, auch des gewalttätigen Blicks. Sprich: Von wem kommt der Blick, und auf wen wird er gerichtet?


Vagina und Penis - (un)gleiche Schamteile

intimacy-art: Die Scham ist als Begriff auch mit der Vagina gleichzusetzen ...
KRYSTUFEK: Wieso nicht mit dem Penis? (lacht)
intimacy-art: Ja, Ihr Bild mit den vielen überdimensional großen Penissen in der 5x10 Meter großen Seidenmalerei, steht interessanterweise im Zusammenhang mit der Kunst. Es trägt den Titel: "Art History - I´ve been there", mit Höhepunkt von einem größten braunen Penis, worüber steht: "Adult section: A Real Shit Penis."
KRYSTUFEK: Ja, dieses Bild mit den acht Penissen bezieht sich auf die Kunstgeschichte, die vorwiegend männlich ist. Und erst seit dem letzten Jahrhundert gibt es so etwas wie eine weibliche Kunstgeschichte, die damit verglichen noch relativ kurz und klein ist.
intimacy-art: Abgesehen davon sind aber auch Vagina und Penis im Leben und in der Kunst als Geschlechtsteile im Hinblick auf die Scham von Mann und Frau völlig konträr besetzt: Die Vagina wird verborgen, der Penis stolz präsentiert.
KRYSTUFEK: In anderen Kulturen, speziell auch auf der Osterinsel, ist die Repräsentation von Vagina und Penis relativ gleich, sei es auf Plastiken oder Zeichnungen.
intimacy-art: Unterscheidet sich der Umgang damit also in der Kunst immer von jenem des Menschen im Alltag?
KRYSTUFEK: Das ist natürlich auch eine Generations- und Kulturfrage. Ich glaube, dass es in meiner Generation keine so starken Unterschiede mehr gibt.
intimacy-art: Sie haben ein Bild mit Titel "Vaginanose" gemacht. Es wirkt wie ein oberflächlicher Witz, ist von der Aussage her aber sehr zynisch, wo es doch in der Kunstgeschichte viele Parllelen mit der Nase bzw. der Pfeife als Phallussymbol gibt, worauf die Männer entweder stolz sind oder sie ihre Triebgesteuertheit aufs Korn nehmen. Und Sie setzen nun provokanterweise auf Ihre Nase - denn das Bild zeigt Ihr Gesicht - die Vagina statt des männlichen Phallus.
KRYSTUFEK: Die Vaginanase entstand eigentlich aufgrund eines kunsthistorischen Textes von Max Raphael über die Osterinsel-Plastiken, deren Gesichtselemente - speziell Nase und Mund - er als Penis und Vagina deutet. Aber auch als Form von Vereinigung, Leben und Tod. Die Osterinsel-Skulpturen standen ja für die Stammesoberhäupter und waren teilweise so etwas wie Grabwächter. Denn es gibt auch einen sehr starken Ahnenkult auf der Insel. Es geht daher in diesem Text Raphaels auch sehr stark um das Überleben, wofür auch die Plastiken stehen. Sie sichern der Osterinsel das Überleben durch den Tourismus.


Ein Penis-Gefolge als Synonym für die Männerdominanz in der Kunstgeschichte, wobei einer ein echter Shit-Penis ist, in Elke Krystufeks Wand-Großbild Art History - I´ve been there, 2006. Dem stellt Elke Krystufek einfach die poetisch wendige Vagina gegenüber: das Segelboot Cunt-Tiki mit geöffnetem Scheiden-Segel.
(MAK-Ausstellungsansicht/Exhibition View „Elke Krystufek. LIQUID LOGIC“, MAK 2006, Ausschnitt aus Foto:© Christian Saupper/MAK, 2006)

Masturbierende Künstler/innen - nichts zum Verlieben

intimacy-art: Jetzt muß ich zugeben, dass mich Ihre Nacktfotos anfangs abschreckten. D.h., ich fühlte mich als Betrachter in meinem Schamgefühl verletzt. Als ich aber dann Ihre Malerei sah, sah ich in Ihrem Strich eine Sehnsucht und Sensibilität, wodurch die Sympathie kam. D.h., Sie vereinen reizvollerweise Ablehnung und Begeisterung. Denken Sie während der Kunstproduktion bewußt an die Reaktion des Betrachters?
KRYSTUFEK: Nein, ich orientiere mich ausschließlich am Kunstkontext, wo immer mit nackten Körpern gearbeitet wurde, speziell mit Frauenkörpern. Das zieht sich durch die Kunstgeschichte hindurch. Das Außergewöhnliche war, dass im Feminismus der 60er-70er Jahre, bildende Künstlerinnen begannen, den Blick auf ihren eigenen Körper zu richten und diesen Körper neu zu definieren. Die Scham richtet sich ja ebenfalls auf die Frage des Blicks. Und ich selbst schäme mich sicher nicht vor anderen Frauen.
intimacy-art: Ach, nicht?
KRYSTUFEK: Nein.
intimacy-art: Meiner Ansicht nach entsteht das Schamgefühl nicht vor dem anderen Geschlecht, sondern sobald man jemanden kennt. Vor Fremden hat man kein Schamgefühl. Aber das ist wieder die private Ebene. - Weil ich aber sagte, die Liebe zu einem Künstler entstünde aufgrund seiner Malerei. Da habe ich nun in Ihrer Ausstellung ein Werk mit dem Zitat gefunden: "Intellectuels love you for paintings, not for masturbation." - Das zeigt mir, dass Sie das eigentlich selbst wissen.
KRYSTUFEK: Da ging es eigentlich darum, dass Intellektuelle sich in der Literatur oft vor berühmten Bildern verlieben.
intimacy-art: Also nicht in das Bild, sondern in eine Person?
KRYSTUFEK: Ja, ein Literaturklischee. Sie begegnen sich in Romanen im Museum.
intimacy-art: Sie verlieben sich aber eben nicht vor Bildern mit Masturbation.
KRYSTUFEK: Es gibt in der Kunstgeschichte auch sehr wenige Masturbationsperformances, wogegen es gigantisch viele Bilder gibt. (lacht)
intimacy-art: Aber im Grunde trifft das meine Annahme: dass man sich in der Literatur vor der Masturbation nicht verliebt, bedeutet ja so gut wie, dass man sich in einen masturbierenden Künstler nicht verliebt.
KRYSTUFEK: Mir geht es nur um das Klischee, dass man sich im Angesicht der "hohen Kunst", bzw. eines Gemäldes aus dem 15. Jahrhundert, so ergriffen fühlt, dass man sich in seinen Kulturbesuchspartner verliebt. Und dass man sich weniger angesichts eines sehr offensichtlich sexuellen Aktes in jemanden zu verlieben beginnt, weil man dann zu viel über Sexualität nachdenken muß. Man ist viel zu viel mit dem realen Begehren, einem realen Problem konfrontiert
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Elke Krystufeks gekonnte Malerei ist einfach zum Verlieben. Hier malt sie das Trio Papst, Cat Stevens und Künstler Bas Jan Ader: Josef, Yusuf, Bas, 2006 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer 2006

Wie romantisch ist die toughe Elke Krystufek?

intimacy-art: Fühlen Sie selbst Romantik und Sehnsucht, während Sie malen?
KRYSTUFEK: Malerei ist für mich ein Kommunikationsmedium, in seiner Form ähnlich romantisch wie das Internet. (lacht)
intimacy-art: Aha? Haben Sie denn auch Internetkunst gemacht?
KRYSTUFEK: Meine Kunst ist über Dokumentationen natürlich im Internet sehr präsent. Ich habe einmal mit einer Institution in Frankreich eine CD-Rom produziert, aber keine spezielle Netzkunst hergestellt. Doch das Internet ist natürlich für bildende Künstler das Kommunikationsmedium schlechthin, um ihre Arbeiten zu vertreiben.
intimacy-art: Ich glaube dennoch, dass Ihr größtes künstlerisches Potential in der Malerei liegt. Das mag subjektiv sein, dennoch, Ihr Strich ist etwas, das Ihnen niemand nachmachen kann. Das strahlt einen als etwas ganz Besonderes an. Ich glaube, dahinter liegt eine romantische Frau, die Künstlerin ist, weil sie es gerne ist. Deshalb fühlt man darin diese Sehnsucht, obwohl man von Ihnen adhoc kaum sagen kann, dass Sie ein romantischer Mensch wären.
KRYSTUFEK: Romantisch ist in dieser Ausstellung vielleicht der Film Dr. Love on Easter Island, 2006, wo es darum ging, eine Person zu finden, von der ich mir sicher war, sie existiert. Bzw. eine Filmrolle für jemanden zu schreiben, der die Person des Dr. Love darstellt, die für mich im Gegensatz zu Dr. Freud im Freud-Jahr steht. Als Figur, die den Spiegel hat und die durch den Zufall, eine weibliche Hauptperson um Mitte/Ende 30 zu sein, automatisch zu so etwas wie einer Mutterrolle wird. (lächelt) (Anm. Elke Krystufek trägt als diese Figur das Foto ihrer Mutter, die im realen Leben fotografiert(e), vor dem Gesicht, was zugleich für den Kamerablick im Film steht.)
intimacy-art: Ah, ja.
KRYSTUFEK: Das Romantische war in diesem Zusammenhang aber, jemanden zu finden, den es zu Anfang des Films nicht gegeben hat.
intimacy-art: Und am Schluß dann schon?
KRYSTUFEK: Und am Schluß dann schon.
intimacy-art: Auch in Ihrem echten Privatleben. Wahrscheinlich, oder?
KRYSTUFEK: Also in dem ganzen Film ist es so, dass sich jeder der Darsteller auch selbst spielt. Es gab zwar ein Skript, aber zunächst keine geschriebenen Dialoge. So konnte jeder im Rahmen des Films auch er oder sie selbst sein.
intimacy-art: Das ist der Film, in dem Sie auf einem Boot fahren, im Meer schwimmen und auf die Insel kommen.
KRYSTUFEK bestätigt: Mh, hm.

Im Film Dr. Love on Easter Island kommt Elke Krystufek mit Muttergefühlen auf eine Insel, wo sie die große Liebe findet. (MAK-Ausstellungsansicht/Exhibition View Elke Krystufek. LIQUID LOGIC, MAK 2006, Ausschnitt aus Foto: © Christian Saupper/MAK, 2006)

Lesen Sie in Teil 2 demnächst auf dieser Site: Die gesellschaftlich-tierische Funktion von Scham und wie sehr Elke Krystufek die "Scham" anderer Künstler respektiert
(Interview-Auszug vom 5.12.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Saturday, November 18, 2006

"Ich weiß, dass ich Musik nicht verstehe, aber ich brauche dafür Zeit", David Harrington (Kronos Quartet),3


Kronos Quartet-Bandleader DAVID HARRINGTON im letzten Teil des Gesprächs mit ELFI OBERHUBER. Die Gesprächsphilosophie über die Zeit und Minimalmusik endet in einem traurigen Schicksalsschlag, der den Violonisten zur Erkenntnis von "wahrer Musik" brachte.
Für Teile 1+2 scroll down.

photo: David Harrington (© Elfi Oberhuber)


intimacy-art: Ich finde in allen Ihren CDs trotz Ihrer Vielfalt entweder einschlägige oder zumindest Passagen von Minimalismus-Musik. Sie scheinen eine persönliche, enge Beziehung zu diesem Musikstil zu haben.
HARRINGTON: Wir haben so viele Musikformen gespielt und jeder von ihnen fühle ich mich sehr nahe. Ob tatsächlich überall Minimalismus zu finden ist, hängt davon ab, was unter dem Begriff verstanden wird. Bei Alfred Schnittke gibt es karge, sehr nackte Momente in der Musik. ­ - Ist das nun Minimal-Musik? ­ Also, ich weiß nicht ...

Von der melancholischen Lust zum echten, bitteren Klang

intimacy-art: Vielleicht ist es nur diese melancholische Gefühlsanlage in Ihnen, warum Sie wiederholt zu entrückenden Ausdrucksformen von Musik greifen. Schon das erste Stück, das Sie so sehr anzog, dass Sie überhaupt Ihr eigenes Quartet gründeten, war mit George Crumbs ...
HARRINGTON: “Black Angels.
intimacy-art: ... ein Werk, das mit der Schönheit des Schmerzes in der Musik arbeitet. Ich behaupte also, dass Sie das stark anzieht. Zumindest hat es das lange. Nun mußten Sie in den späten 1990-ern aber eine sehr bittere Erfahrung hinnehmen: Sie verloren Ihren Sohn, als er erst 16 Jahre alt war. Verändert so eine reale Erfahrung die Lust, sich nach traurigen Momenten in der Musik, in der Fantasie, zu sehnen?
HARRINGTON (überlegt lange): Nun, “Black Angels zu hören, veränderte tatsächlich mein Leben. Und die letzten Jahre verbrachte ich andauernd damit, die richtige Musik zu finden, um mich ausgeglichen zu fühlen. Als ich Black Angels 1973, zur Zeit des Vietnam-Krieges, hörte, war ich ein junger, amerikanischer Musiker, der versuchte, irgendwo den Sinn des Lebens heraus zu filtern. Und alles, was ich aus dieser Musik heraus hörte, machte als Antwort auf den Krieg Sinn. Als nun mir und meiner Familie diese Tragödie passierte und unser Sohn starb .... (lange Pause)...., da war in mir für lange Zeit überhaupt keine Musik mehr. Ich wußte auch nicht, ob ich wieder Musiker sein könnte. Langsam kam sie zurück. Sie war aber verändert. Mein Gehörsinn, meine Sinneswahrnehmung für das, was echt und ehrlich ist, wuchs um Vieles an. Ich fühle auf eine wirklich persönliche Weise, dass diese Tragödie jede Minute in mir ist, und ganz akut, wenn mir Musik begegnet, die für mich Sinn macht.
intimacy-art: Haben Sie noch andere Kinder?
HARRINGTON: “Ja, schon, auch Enkelkinder, aber .... (Pause)
intimacy-art: Denken Sie, dass es für all unser Schicksal Gründe gibt? Terry Rileys Multimedia-Live-Projekt Sun Rings in Ihrem Repertoire fragt ja nach dem "warum?" der menschlichen Existenz. Er selbst sagt: "Der Weltraum ist das Reich der Träume und der Vorstellungskraft und ein fruchtbarer Boden für Poeten und Musiker. Alte Astrologen waren sich der Einflüsse der planetaren Bewegungen auf unser Leben bewußt." - Sind unsere Anlagen vorgegeben?
HARRINGTON: Warum wir hier sind und warum wir Körper haben, Finger und Ohren ­ - diese Dinge liegen jenseits unseres Verständis-Vermögens, dafür sind unsere Gehirne zu klein. Ich glaube aber: Alles hat Auswirkungen auf alles. Gehen Sie auf bestimmte Weise durch dieses Zimmer, verändern Sie entsprechend die Luft. Und machen wir die Türe auf, dann verändert sie sich auch draußen. Alles beeinflußt alles. Und es gibt keine Möglichkeit, dem zu entrinnen.
intimacy-art: Wenn wir auf Ihre bisherige Lebensleistung schauen ­ - Sie haben die Welt um hunderte neue Komponisten, Werke und brillante Interpretationen bereichert - ...
Harrington deutet auf die Uhr, da die Zeit um ist.
intimacy-art: ... wenn Sie zurück schauen, was würden Sie sich dennoch wünschen, nicht passiert zu sein?
HARRINGTON: Ich wünsche mir ununterbrochen, mein Sohn würde noch leben. Ständig.

Als sich David Harrington und die Interviewerin aufrichten, neigt sein Kopf in Richtung seines aufgeklappten Geigenkastens. Sie folgt seinem Blick: Auf der Innenseite sind Familienfotos aufgeklebt. Ein Bild könnte von seinem verstorbenen Sohn sein. Ein Gefühl sagt ihr, jetzt lieber zu schweigen... Doch als David Harrington abends Peteris Vasks Solo Streichquartet Nr. 5. spielt, scheint es, als würde ein wissendes Band des Schmerzes zwischen ihr und ihm gezogen. Er spielt so leidenschaftlich traurig, mit so großer Wehmut, dass ihr klar ist, an wen er dabei denkt. Ein Pathos vom grausamen Leben, wo Zeit keine Wunden mehr heilen kann. Und doch wird es so für Spieler und Zuhörer: echt... und unvergeßlich.

(Interview-Auszug vom 18.5.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Monday, November 13, 2006

"Ich weiß, dass ich Musik nicht verstehe, aber ich brauche dafür Zeit", David Harrington (Kronos Quartet), 2








Kronos Quartet-Bandleader DAVID HARRINGTON im zweiten Teil des Gesprächs mit ELFI OBERHUBER. Eine Philosophie über die Zeit, die sich anfühlt wie Kronos-Musik. Vor dem ergreifenden Finale aber noch die Debatte über "Minimalmusik", die zuhauf im Kronos-Repertoire zu finden ist.

photo: David Harrington (© Elfi Oberhuber)


Von der Nicht-Existenz der Minimalismus-Musik


intimacy-art: Hat Minimalismus eine spezielle Art, mit Zeit umzugehen? Technisch und in der Art, die Wahrnehmung des Interpreten und des Publikums zu berühren?
HARRINGTON: Interessantweise sagte jemand wie Terry Riley einmal: “Während Musikwissenschaftler den Begriff “Minimalismus" definierten, um meine Musik zu benennen, schrieb ich schon ganz etwas anderes." Auch ich glaube nicht an funktionierende Musikdefinitionen. Bei Terry Riley, Steve Reich und jedem anderen so genannten “Minimalisten", denke ich nur an deren Persönlichkeit: Wie es ist, mit ihnen zusammen zu sein, ihre Musik zu spielen, mit ihnen zu proben, mit ihnen zu sprechen.
intimacy-art: Der Zuhörer verliert dabei dennoch generell schnell die realistische Wahrnehmung. Die monotonen Wiederholungen gehorchen einer anderen Logik. Führt diese Zeit-Dehnung bzw. -Rhythmisierung, nicht automatisch in eine optische, surreale Dimension? Schon da oft das “Horror-Genre" damit unterlegt wird. Sie selbst habe Dracula mit Philip Glass vertont.
HARRINGTON: Aber die Qualität von jeder Musik ist doch Wiederholung, Variation, Wechsel. Sicher, manche Stücke wurden Minimalismus-Stücke genannt, wie Terry Rileys In C, das nur aus Basis-Elementen zu bestehen scheint und während eines langen Zeitabschnitts eher langsam wechselt. So bekommt der Hörer das Gefühl, er würde einen bestimmten Raum bewohnen. Aber ich glaube dennoch, dass das bei vielen Arten von Musik geschieht. Es wird lediglich der Minimalismus-Musik zugeschrieben. Das passiert aber auch bei Schubert, bei Mahler!
intimacy-art: Sicher, man könnte auch Alban Berg für “Horror" nehmen: das Atonale, Verunsichernde.
HARRINGTON: Filmmusik bedient grundsätzlich Klischees. Doch sie sucht und definiert auch neue Wege des Ausdrucks, sodass man sie irgendwann automatisch als Schreckensmusik oder als romantische Musik empfindet.
intimacy-art: Ist es Ihrer Ansicht nach also nur eine Konnotationssache: Die Leute lernen und gewöhnen sich daran, ein spezielles Gefühl bei einer bestimmten Musik zu haben?
HARRINGTON: Nun, es gäbe keine Hollywood-Musik ohne Gustav Mahler.
intimacy-art: Dennoch finde ich in allen Ihren CDs trotz Ihrer Vielfalt entweder einschlägige oder zumindest Passagen von Minimalismus-Musik. Sie scheinen eine enge persönliche Beziehung zu diesem Musikstil zu haben?
HARRINGTON: Wir haben so viele Musikformen gespielt und jeder von Ihnen fühle ich mich sehr nahe. Ob tatsächlich überall Minimalismus zu finden ist, hängt davon ab, was unter dem Begriff verstanden wird. Bei Alfred Schnittke gibt es karge, sehr nackte Momente in der Musik - ist das nun Minimal-Musik? Also, ich weiß nicht ...

Lesen Sie in Teil 3 des Interviews demnächst auf dieser Site: David Harringtons wunder Punkt seines Lebens und Schaffens.
(Interview-Auszug vom 18.5.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Thursday, October 26, 2006

"Ich weiß, dass ich Musik nicht verstehe, aber ich brauche dafür Zeit", David Harrington (Kronos Quartet), 1

photo: David Harrington (© Elfi Oberhuber)

Kronos Quartet-Bandleader DAVID HARRINGTON findet im Gespräch mit ELFI OBERHUBER in 25 Minuten zu einer Tiefe, die unglaublich ist. Bevor es dazu kommt, aber zuerst der erste Teil über den Zusammenhang von Zeit, Musik und Musikerdasein, sowie das Bedürfnis dieses Topmusikers, einen Komponisten als Mensch ganz genau kennen zu müssen.

Kurzprofil KRONOS QUARTET: Dieses amerikanische Streichquartett kann in drei Jahrzehnten seiner Existenz getrost “das Berühmteste der Welt" genannt werden, ständig auf der Suche nach Neuem, meist einen Trend aufspürend, dem dann andere folgen. Seine letzte CD You´ve Stolen My Heart - Songs from R.D. Burman´s Bollywood widmet sich der indischen Filmmusik. Kaum ein anderes Quartett hat mehr Preise geholt; beinahe jährlich eine Grammy-Nominierung und für die Alban-Berg-CD Lyric Suite 2003 ein Grammy. Wer sich genauer mit dem immensen Werkspektrum des von Violonist DAVID HARRINGTON (Sternbild Jungfrau) gegründeten Kronos Quartets beschäftigt, merkt aber bald, dass seine eigentliche Qualität im Aufspüren und Motivieren von zeitgenössischen Komponisten bei mittlerweile 450 neuen Stücken liegt, quer durch die Kulturen aller Welt. Oft geschrieben von Menschen, die ohne Aufforderung nie für ein Streichquartett schreiben würden. Die Folge sind einzigartige Innovationen in der Streichquartett-Gattung, mit Rock, Pop, Minimalismus, Atonalität, World, Jazz, schlicht mit allem (Un)denkbaren, oft schmerzhaft schön, manchmal ungemein rhythmisch unterhaltend. Kein Tabu kann diese Forscher bremsen! Übrigens: diese Gruppe lebt großteils von Spendengeldern - eine Formulierung, für die man sich in Amerika nicht zu schämen braucht...
Die Kronos-Mitglieder: DAVID HARRINGTON (Violine, Bandleader), John Sherba (Violine), Hank Dutt (Viola), und neu dabei seit August 2005: Jeffrey Zeigler (Cello)
Vom 15.-18.11. ist das Kronos Quartet live in Wien im Rahmen des New Crowned Hope-Festivals zu hören. Genaue Daten auf intimacy-art.com / aKtuell / REALNEWS / INTERVIEW (mit Peter Sellars)



Von der schönsten halben Musiksekunde

intimacy-art: Es ist jetzt 15h30. Und wir haben 25 Minuten Zeit. Mögen Sie Interviews in Eile?
DAVID HARRINGTON: Es ist für mich ein Abenteuer, selbst wenn es kurz ist.
intimacy-art: Kann sich denn knapp limitierte Zeit auf Ihre eigene Arbeitsweise in der Musik positiv auswirken?
HARRINGTON: Ich sammle ja Musik, tagein, tagaus. Und einige meiner stärksten Erfahrungen waren jene Formen, die sich um eine einzige Note drehten. Je nachdem, wie sie ein Musiker wichtig werden ließ. Das veränderte mein Leben so sehr, dass ich ab diesem Zeitpunkt völlig neu darüber dachte und damit umging.
intimacy-art: Wird für diese einzige Note dennoch viel Zeit benötigt?
HARRINGTON: Nein, die Eindruckvollste auf Violine dauerte eine halbe Sekunde.
intimacy-art: Ist der Vorteil der zeitlichen Knappheit, sich sehr konzentrieren zu müssen? Auch, bezogen auf Ihre oft kurzen Stücke, worin alles kompakt verpackt ist, sodass es stark wirkt.
HARRINGTON: Nun, auch die Kunstwelt ist ein geschäftiger Ort, wo sich jeder Künstler in den Wettbewerb um Zeit und Aufmerksamkeit der Leute schmeißen muß. Deshalb fordere ich unsere Komponisten immer auf: "Ein Stück soll so kurz sein, wie es nur sein kann, und so lange, wie es sein muß." Das funktioniert als Regel, denn der Mensch sucht immer nach dem direktesten Weg. Das Leben ist kurz. Es könnte schon gleich enden. Und die Musik hat dem zu gehorchen.

Vom Momenttyp zum Planertyp

intimacy-art: Würden Sie sagen, dass Sie sehr im Moment leben - das soll "der Unpünktliche" sein ­ oder nach Zeitplan?
HARRINGTON: Beides. Um auch nur einen Teil dessen machen zu können, was ich machen will, brauche ich viel Planung und Organisation. Gleichzeitig gehe ich sehr nach dem Instinkt. Wie wenn du durch ein Plattengeschäft gehst und dich fragst, was dich wohl zu dieser Aufnahme hinzieht?
intimacy-art: Ein guter Musiker muß ja an-sich schon ein Momenttyp sein, da er mit völliger Hingabe Stücke transportiert. Aber auch Ihr Sinn für die Mode(rne) unserer Zeit macht Sie dazu, indem Sie Musikstile ­ wie gerade jetzt Bollywood oder davor Lateinamerikas (CD: Nuevo) ­ produzieren.
HARRINGTON: Sicher, ich vertraue prinzipiell auf meine Ohren. Ich höre mir viel Musik an, höre auf viele Gespräche mit verschiedenen Komponisten. Und plötzlich werde ich magnetisiert, von einer dieser Musikformen, einem dieser Stücke, dieser Komponisten ­ und dieses Gespür ist es, das mich antreibt.
intimacy-art: Und dann sind Sie so interessiert, dass Sie diesen Mann, diese Frau mehr als Persönlichkeit als über deren Interpretationsvorgaben am Notenblatt verstehen wollen.
HARRINGTON: Absolut. Wir sind da wie Detektive. Denn nur so gewinnen wir genügend Information, um herauszufinden: "Was hat diese eine Note wohl für eine Wichtigkeit?" Dafür muß der Komponist manchmal viele Fragen beantworten. Seine Musik-Notationen sind eine zu unexakte Kommunikationsform. Eben wie Worte: Eine Person meint mit bestimmten Worten eine Sache, die andere versteht darunter etwas völlig anderes. Noch ungenauer wird es bei verschiedenen Sprachen und Übersetzungen. Wie wir also eine Interpretation erreichen, hängt von den Beweisen, den Wahrheiten ab, die wir selbst sammeln. Und ein Komponist kann uns ziemlich exakte Beweise liefern. Selbst wenn es noch immer nicht die einzigen sind.
intimacy-art: Beschwerte sich je ein Komponist, "nein, da habt Ihr mich falsch verstanden und nur Euren eigenen Stil aufgedrückt!"?

Musik - Etwas noch höheres als eine Frau

HARRINGTON: Ehm, es ist uns direkt nie gesagt worden, aber...
intimacy-art: So hätte ich es auch gedacht.
HARRINGTON: ... vielleicht wurde es dennoch gesagt, und ich erinnere mich nur nicht daran. Kronos ist ein Resultat aus einmaligen und langjährigen Beziehungen. Ich interessiere mich allerdings auch bei langer Komponisten-Zusammenarbeit für niemanden, der sein nächstes Stück "für" Kronos schreibt, das es dann spielen "muß". Denn das würde uns in etwas hineinboxen. Ich möchte sehr frei sein, in jede mögliche Richtung gehen können.
intimacy-art: Dann sind Sie eigentlich noch mehr der Jäger als der Sammler.
HARRINGTON: Ein treffender Vergleich. Ich halte Musik selbst für etwas sehr wildes, freies, unbezwungenes. Ich weiß, dass ich sie im Grunde nicht verstehe. Und keiner von uns wird sie je richtig verstehen. Ich weiß darüber sicher nicht mehr als Sie.
intimacy-art: Vielleicht wollen Sie sie nicht verstehen, um sie lieben zu können.
HARRINGTON: Sie ist für mich jedenfalls ein Mysterium.
intimacy-art: Dann muß die Musik wohl eine Frau sein!
HARRINGTON: Etwas noch Höheres. Denn wie funktioniert sie wirklich? Was ist Musik? Sie ist eine menschliche Erfindung: Jede Kultur scheint sie zu haben, fast jede Religion. Die Menschen haben sie entwickelt, um sich Freude zu bereiten, ein Gemeinschaftsgefühl zu haben. Sie vermittelt Sinn für Kontinuität, Vergangenheit und Zukunft. Sie ist ein Mittel, das Leben zu feiern, oder zumindest eine Tiefe zu markieren. Aber wie das tatsächlich funktioniert, welchen Prozeß die Menschen dabei durchlaufen, wenn sie Musik erfahren - das ist letztendlich eine ganz persönliche Sache. Für jeden Menschen. Was Sie bei Musik denken oder empfinden, ist ganz anders als das, was ich darüber denke und empfinde. Selbst wenn wir dieselbe Musik hören, wie jetzt.
intimacy-art: Dennoch schaffen Sie das Wunder, so viele Menschen für Ihre, auch sprerrige, Kronos-Musik zu begeistern; Und besonders bekannt und beliebt sind Sie wegen der vielen Minimalisten in Ihrem Repertoire.

Lesen Sie in Teil 2 des Interviews demnächst auf dieser Site: Weshalb David Harrington an der Existenz von Minimalismus-Musik zweifelt.
(Interview-Auszug vom 18.5.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)