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Thursday, April 05, 2007

Jon Regen 2: "Ich wünsche mir eine Frau für Zuhause, aber sie darf mich nicht ändern wollen"


(photos © Elfi Oberhuber)


Nachdem der New Yorker Blues-Jazzer JON REGEN für einen kurzen Toncheck vor dem Konzert im Wiener Birdland seine neuen Titel Let It Go (auf gleichnamiger im April erschienener CD) und It´s All Right By Me gespielt hat, geht es weiter mit dem letzten Gesprächsteil mit ELFI OBERHUBER. Für Einführung und Teil1 scroll down.

JON REGEN SPIELTE IM OKTOBER 2007 SEINE NEUEN SONGS IM BIRDLAND!!! - Die Kritik dazu, sowie zur neuen CD Let It Go steht auf intimacy: art in CRITIC
.
Und: Er kommt wieder am 15.5.2008 ins WIENER BIRDLAND, UM 20h, wo sie sich vom Gehalt der Kritik überzeugen können!!!
Und: Am 17.5.2008 wird JON REGEN´s Trio ab 20h live am Wiener Rathaus beim Life-Ball zu sehen sein. Das Event wird im ORF und per 3-Sat übers Fernsehen übertragen!



Symbiose von freier und "angewandter" Kunst als zu erreichendes Ziel

Fortsetzungstext (Deutsch-Annäherung zu) -
Jon Regens Song
What Am I Supposed To Do From Here/
Was soll ich von hier aus tun?
(in CD: Almost Home, 2004)
Für den Liedanfang scroll down zum
Gespräch mit Jon Regen 1


intimacy-art (nachdem Jon Regen am Klavier gespielt und gesungen hat): Jetzt wird mir klar, was Sie in Frauen erwecken, nachdem sie Sie beim Spielen gehört haben. (lacht)
REGEN: Ein Segen Gottes. (lacht)
intimacy-art: Sie sind der Sohn eines Werbers und einer Grafik- Fotokünstlerin.- Sie müssen also den Konflikt zwischen kommerzieller / angewandter Kunst und freier Kunst von klein auf mit bekommen haben.
REGEN: Natürlich. Meine Eltern waren komplett gegensätzlich. Mein Vater war ein Schreiber fürs Geld und textete die Slogans sehr bekannter Kampagnen wie von Panasonic. Meine Mutter war so weit wie nur möglich davon entfernt und studierte auf der ganzen Welt. Sie stellte ihre sehr künstlerischen Fotos aus und machte politische Protest-Kunst. Sie kämpft ein wenig mit der Vorstellung, dass ich als Entertainer immer erfolgreicher werden könnte. Sie mag keine "angewandte" Kunst.
intimacy-art: Sie ist also die einschlägige Jazzerin.
REGEN: Ja, sie war mit mir als reiner Jazzpianist glücklicher. Und meine Schwester ist Rechtsanwältin.
intimacy-art: Sie ist also ganz von der Kunst entfernt.
REGEN: Sie spielte Flöte als Kind und war sehr musikalisch. Ich war der "Angstfreie" der Familie. Obwohl es für mich sehr lange ein harter Kampf war, diesen Traum erfüllt zu bekommen. Und es ist noch immer nicht leicht, das weiter zu bringen. Aber es wird besser und besser. Ich habe viel Glück.
intimacy-art: Haben sich diese frei-angewandt-Kunst-Unterschiede für Sie selbst entschärft? Denn es ist ja Ihr Wunsch, (mit "Let It Go") populärer zu sein, was Sie auch als künstlerisch befriedigend empfinden.
REGEN: Wir arbeiten noch immer darauf zu, wie ich speziell den Song Let It Go mögen werde. Das ist ein schwieriger Punkt, wo alles zusammen gemischt wird. Und bestimmte Unsicherheiten, wie die Leute darauf reagieren, hat man immer, wenn man etwas herausbringt. Selbst wenn mich die ganze CD prinzipiell sehr freut.

Zuerst kommt der Glaube an sich selbst

intimacy-art: Was ist jetzt die höchste Leistung für Sie als Künstler: Etwas zu produzieren, das vielen Leuten gefallen kann? Mit Stars der Szene zu arbeiten? Oder sich selbst auf ehrliche Weise auszudrücken?
REGEN: Muß ich eines davon auswählen?!
intimacy-art: Oder muß alles zusammen treffen?
REGEN: Es geht prinzipiell um Auswahlmöglichkeiten, wobei meine Musik von mehr Leuten gehört werden soll, und ich mit den Stars von heute arbeiten will, weil sie mich in neue Welten bringen und mich herausfordern können. Am wichtigsten ist mir aber, weiterhin an das, was ich mache, glauben zu können. Und hoffentlich kommt dabei die Ehrlichkeit dieser Musik heraus, die dann der Grund sein wird, warum sich die Leute angezogen fühlen. Almost Home machte ich um sehr wenig Geld, ganz allein, an einem Tag. Leute aus der ganzen Welt sagen mir: "Diese CD bedeutet mir etwas." Ein Riesenkompliment. So soll es mir mit allen CDs gehen. Sänger John Mellencamp sagte einmal: "Ein guter Song ist es dann, wenn die Leute dabei sagen, sie hören nicht dich, sondern sich." Das bedeutet, an universellen Sachen zu rühren. Das will ich. - Wahrscheinlich habe ich somit tatsächlich die Gegensätze meiner Eltern ausbalanciert und beide Seiten in mir vereint.
intimacy-art: Sind Ihre Eltern noch zusammen?
REGEN: Nein, nicht im geringsten.
intimacy-art (lacht): Ich hätte mir jetzt gewünscht, der Gegensatz wäre so interessant für beide gewesen, dass es halten konnte.
REGEN: Nein, "sie" haben es nicht geschafft.
intimacy-art: Und Ihre Ehefrau war eine Opernsängerin.
REGEN: Eine französische Opernsängerin, ja.
intimacy-art: Sie haben sie aber nicht kennen gelernt, als Kyle Eastwood seine Frau in Paris traf, deren Ehe auch....
REGEN: ... vorbei ist. Ich kenne Kyle Eastwoods Frau sehr gut. Ich tourte mit ihm, als sie verheiratet waren. Meine Frau lernte ich aber nicht, als ich mit Kyle tourte, kennen, sondern als ich dort spielte.
intimacy-art: Sie sagten, dass Sie es nicht wirklich lieben zu touren - ...
REGEN: Oh, ich liebe es, zu touren.

Durch Widersprüche zum freien, aber traurig-sensiblen Texter

intimacy-art: In "Only My Credit Card Remembers Where I´ve Been" sagen Sie aber das Gegenteil.
REGEN: Das ist ein Komik-Song darüber, wie du manchmal sprichwörtlich nicht weißt, wo du bist. Doch ich liebe es zu touren. Wenn du gerne Tennis spielst, gibt es auch die Seite daran, wo du am nächsten Tag müde bist. Was mich jung hält, ist, dass ich liebe, was ich mache. Gestern in Rom, heute in Wien, morgen bin ich wieder in Italien - das ist aufregend.
intimacy-art: Aber das ist das Berührende an Ihren Songs, wenn sie wirklich ein wenig traurig werden. Dann denkt man sich, "der ist auch so allein wie ich". Und jetzt sagen Sie das Gegenteil.
REGEN: Vielleicht erkläre ich es nicht gut: Es gibt große Höhen und große Tiefen beim Touren. Billy Joel sagte einmal: "Ich spiele für 50.000 Leute pro Nacht, und nach dem Konzert nehme ich ein Taxi ins Hotel und bin allein: mit mir." Das sind wirklich die Highs und die Lows. Ich bin sehr aufgedreht, wenn ich spiele, und dann bin ich allein im Zug und vermisse meine Freunde, meine Freundin. Im Grunde geht es da um das Managen der verschiedenen Seiten deines Lebens. Ich kenne niemanden, der alles an irgendetwas liebt.
intimacy-art: Hätten Sie dennoch gern ein bißchen mehr Rast-Zeiten?
REGEN: Nein. Es gibt genug Rast. Ich hatte ein paar Tage frei und haßte es.
intimacy-art: Werden Sie da traurig?
REGEN: Ich werde tieftraurig, wenn ich alleine bin, ja. Ich war gerade zwei Wochen alleine auf Tour, Italien solo, nur ich und das Piano, und das ist eine echte Gemütswanderung, die ganze Zeit allein zu sein, an so schönen Orten. Damit komme ich sehr schlecht zurecht. Ich stehe in Rom am Vatikan, sehe all die schönen Sachen und wünschte, es wäre jemand neben mir, mit dem ich darüber reden könnte. Für mich bedeutet etwas mehr, wenn ich es mit jemandem genießen kann.
intimacy-art: O.k., gut.
REGEN: Ich versuche, Ihre Fragen zu beantworten.
intimacy-art: Sie fühlen sich also frei, selbst wenn Sie viel reisen.
REGEN: Ja, sehr. Sehr frei.

Mit allen Frauen Sex haben zu müssen, wäre hart

intimacy-art: Glauben Sie, dass alle Ihre Fans Ihre Musik verstehen und Sie dafür lieben? All die Mädchen, die ich auf "My Space" sah und sich für Sex mit Ihnen anbieten, indem sie Ihnen freizügige Fotos schicken?
REGEN: Mit all diesen Frauen Sex haben zu müssen, wäre hart.
intimacy-art: Kennen Sie die alle?
REGEN: Ich habe keine Ahnung, was das für Leute sind. Aber My Space ist interessant, weil mich dort Leute finden, die dann zu meinen Konzerten kommen.
intimacy-art: Glauben Sie, dass Sie mehr Leute wegen Ihrer Musik lieben oder weil Sie ein Star-Musiker innerhalb der Jazzszene sind bzw. dazu werden?
REGEN: Es gibt immer Leute, die sich für dich interessieren, weil sie meinen, du wärst etwas, das du nicht bist. Ich spiele mit Leuten wie Kyle Eastwood und Jonathan Sanborn, Söhnen von berühmten Leuten. In diesem Umfeld gibt es viele Leute, die dich treffen wollen, weil sie glauben, du seist berühmt. Glücklicherweise bin ich nicht wirklich berühmt und mögen mich die Leute meistens wegen meiner Musik. Aber wenn mich schöne Frauen treffen wollen, ist das immer gut ...
intimacy-art: Sie müssen die aber nicht alle haben.
REGEN: Nein. Naja, drei oder vier.
intimacy-art: Aber nicht parallel.
REGEN: Ja, ja, parallel. Vielleicht parallel.
intimacy-art: Dann darf ich den intimen Liebestexten also nicht glauben, wenn Sie davon singen, eine spezielle Frau zu lieben.
REGEN: Also ich ...
intimacy-art: Können Sie wirklich so tief lieben, wie wir es aus den Texten annehmen würden?
REGEN: Ich liebe wirklich sehr tief. Sehr tief.
intimacy-art: Für längere Zeit?
REGEN: Ich versuche es. Ich versuche es.
intimacy-art (lacht)

In den Projektionen der Frauen liegt das Problem der Liebe

REGEN: Ich meine, Liebe ist sehr kompliziert. Aber vom Herzen her, glaube ich, ist es die größte Sache, sich vorzustellen, dass du mit jemandem durchs Leben gehen könntest.
intimacy-art: Mir kommt irgendwie vor, dass das bei Ihnen nicht zutrifft, denn Sie möchten so viel. Sie sind so in Eile und lieben es auch.
REGEN: In Eile nach was, nach Frauen?
intimacy-art: Nicht nur. Sie wollen ja auch so viele verschiedene Musikrichtungen ausprobieren. Vielleicht sind Sie insgesamt einfach auf dem Weg.
REGEN: Ich sehe es so wie in meinem Song What Am I Supposed To Do From Here: die Leute sagen dir, sie lieben dich wegen deiner selbst, aber meistens lieben sie dich für das, wie sie dich zu werden wünschen. Ich war vor Jahren mit einer Frau zusammen, die sehr frustriert darüber war, wie ich mein Leben bestreite. Sie meinte immer, sie hoffe, ich würde das ab einem bestimmten Alter beenden. Was ich zu tun liebe und mein ganzes Leben wollte, ist zu touren, nachdem mich jemand fragt, "willst du nach Wien kommen, wir bezahlen dich dafür, dass du spielst". Das ist der Konflikt mit einer Frau zuhause, die dich bei sich haben will. Und es ist auch verständlich. Aber wie soll man das schaffen? Ich weiß es nicht.
intimacy-art: Es gibt schon Musiker, deren Frauen Monate lang zuhause warten.
REGEN: Jemand in Italien sagte gerade zu mir: "Eine Freundin ist wie ein Piano. Du hast eines zuhause, aber es gibt eines in jedem Club."
intimacy-art: Ich hoffe, Ihre Fans verzeihen Ihnen das.
REGEN: Das habe ja nicht ich gesagt.
intimacy-art: Es ist also ein Witz.
REGEN: Um ehrlich zu sein: ich führe ein sehr langweiliges Leben. Besonders wenn ich auf Tour singe, bin ich nicht mehr der große Party-Tiger. Ich schlafe, um meine Stimme zu schonen. Und wie ich echt fühle, das sagen meine Lieder. Denn wenn ich schreibe, bin ich viel mehr in mir selbst. Als Songwriter sprichst du mit deinen Liedern, während du versuchst, das Leben, die Liebe auszumachen. Da gibt es viele neue Songs auf meiner CD über Liebe und Niederlagen, und den Versuch, den Weg da durch zu finden.










Zum Anhören der drei Tracks Let It Go, Something To Hold und Close To Me (Featuring Andy Summers) aus Jon Regens neuer CD Let It Go,
gemischt von John Porter, gehen Sie bitte zu: http://www.myspace.com/jonregen






(Interview-Auszug vom 03.02.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Tuesday, March 13, 2007

Jon Regen 1: "Ich will alles frei entscheiden können und immer besser werden"


Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)


Was ist künstlerische Freiheit für einen Jazzer wie JON REGEN? Schließt sie das Bedürfnis nach privater Freiheit mit ein? - Oder läßt sich beides gar mit "Popularität" vereinen? - Eine Diskussion mit ELFI OBERHUBER, die unter gegenwärtigen kulturpolitischen Bedingungen auch für Österreich hoffnungsvoll ist, auch wenn das Problem weder privat, noch musikalisch leicht für den Musikkünstler in Harmonie zu bringen ist.

Kurzprofil JON REGEN (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) gilt momentan als "die" Entdeckung New Yorks. Der Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären Jazzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen nicht nur Frauen. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine neue CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. - Wieder ein gänzlich neuer Auftritt, indem er eine weitere Facette seiner Selbst realisiert.

- In welcher Verbindung Jon Regen zu Jazz-Bandleader Kyle Eastwood und dem Underground- Club- Jazz- Genre steht, erfährt man über intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / WATCHER (bzw. TIPPS) / Archives: March. Titel: TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN

- Die Kritik zu Jon Regens Almost Home-Konzert ist zu finden in: intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / CRITIC / Archives: February. Titel: MUSIK: ENTDECKUNG JON REGEN AUF "ALMOST HOME"-TOUR IN WIEN



Private u
nd künstlerische Freiheit als Gegensatz

Text (Deutsch-Annäherung zu) - Jon Regens Song
What Am I Supposed To Do From Here/
Was soll ich von hier aus tun?
(in CD: Almost Home, 2004)


intimacy-art: Was ist für Sie "Freiheit"?
JON REGEN: Die Möglichkeit, den eigenen Kurs zu wählen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ob nun in der Musik oder im Leben.
intimacy-art: Brauchen Sie diese Freiheit auch privat, um sich wohl zu fühlen?
REGEN: Ich habe zumindest das Bedürfnis, die Grenzen in mir zu erforschen und sie gegebenenfalls niederzureißen. Außerdem möchte ich nirgends hinein geboxt werden. Weder musikalisch, noch in einen Job, von dem die Gesellschaft meint, er entspräche einer normalen Existenz. Musiker geworden, bin ich nur wegen der Musik. Da die Freiheit vor allem dem Jazz innewohnt, muß sie als Lebensstil nun mal mit erforscht werden.
intimacy-art: Mein Eindruck war aufgrund Ihrer Musiktexte in "Almost Home", dass Sie eher eine Schutzzone brauchen. Also eigentlich das Gegenteil von privater Freiheit.
REGEN: Diese Lieder schrieb ich während einer Zeit, als ich mit dem Jazzsänger Jimmy Scott tourte. Ich wollte einerseits das erste Mal lieber zuhause sein, weil ich gerade eine Beziehung eingegangen war, andererseits war ich glücklich darüber, meine Träume des Jazzreisens endlich als bewahrheitet zu erleben. Das war sehr hart.
intimacy-art: Wollen Sie privat genauso frei sein wie als Künstler?- Viele Männer wollen ja intim frei sein, indem sie jede Nähe meiden.
REGEN: Meinen Sie sexuelle oder romantische Freiheit?
intimacy-art: In jeder Hinsicht. Diese Männer haben Sex, aber es ist ein kalter Sex.
REGEN: Nein, nach so einer Freiheit sehne ich mich nicht wirklich. Ich glaube, wir suchen alle nach einer Heimat, nach jemandem, mit dem wir das Leben durchlaufen wollen. Das halte ich für eine schöne Sache.
intimacy-art: Aber in den Momenten, als Sie diese Lieder schrieben, wirken Sie verloren und verlassen. War das so?
REGEN: Diese CD schöpft aus einer sehr herausfordernden Beziehung, wobei einige Songs aus dieser Art von Rollenspiel heraus geschrieben wurden. Aus meiner Vorstellung zu fragen: "Was wäre, wenn diese Beziehung perfekt wäre, sodass ich nach hause kommen wollte?" Tatsächlich war sie sehr schwierig. Der autobiografischste Song ist wohl, What Am I Supposed To Do From Here, den ich an diese Person als Liebesbrief geschrieben habe, der sagt: "Ich weiß nicht, wie ich sein soll, damit ich bin, wie du willst, dass ich bin." Das haben Sie also treffend wahrgenommen. Es ist ein autobiografisch-poetisches Album, worin ich zwischen zwei Orten pendle und um eine Lösung ringe.
intimacy-art: Es ist sicher Ihre persönlichste CD.

Von der Persönlichkeit zur Popularität

REGEN: Gleichzeitig hat sie etwas Leichtes und Frisches, als erste CD mit Liedern, Text und Gesang von mir. Die neue CD wird viel - dunkler nicht, aber - tiefer, indem sie ausforscht, was passiert, wenn alles auseinander fällt, und man sich von dort aus weiter zu bewegen versucht. Lieder-Schreiben ist also eine Reise. Und den Ort, wo ich jetzt bin, empfinde ich als sehr, sehr befriedigend. Weil ich mich dem nähere, wo ich meine eigene Geschichte erzähle.
intimacy-art: Mir kommt das nicht ganz so vor. - Das wollen wir aber aufrollen. - Wie muss das Umfeld sein, dass Sie sich künstlerisch frei fühlen?
REGEN: Ich bin sehr darauf konzentriert, zu entscheiden, was ich spielen will. Selbst im jetzigen Punkt meiner Karriere, wo mich dauernd Leute bitten, bestimmte Lieder und Stile zu spielen.
intimacy-art: Ich habe das Gefühl, Sie wollen in Ihrer neuen CD populärer sein.
REGEN: In negativem Sinne?
intimacy-art: Ohne es zu bewerten. - Wären Sie gerne populärer?
REGEN: Es sollen zumindest mehr Leute meine Musik hören. Im Sinn von Geld und Ruhm möchte ich nicht populärer sein. Als Künstler willst du möglichst viele Menschen berühren. Du machst die Musik nicht für die Familie, deine vier Wände.
intimacy-art: Für mich halten Sie in der Jazz-CD "Tel Aviv" das hohe Niveau in der Musik, also im Klavierspiel, wie in "Almost Home" im persönlichen Touch, insbesondere durch Text und Gesang. "Let It Go" scheint mit Produzent Brad Albetta und The-Police-Gitarrist Andy Summers Popularmusik mit Underground-Flair zu werden, wo sich das Niveau auf mehrere Leute aufteilt.
REGEN: Wir haben alle viele Seiten in uns. Brad Albetta steckte mich jetzt mit der Idee an, meine Lieder und meine Stimme so zu rahmen, dass sie wirklich die CD ausmachen. Und da ich mir dachte, nicht alles selber machen zu können, ich zudem Lust auf Neues hatte, war das für mich ein sehr interessanter Prozeß. Außerdem ist Andy Summers ein Freund von mir, mit dem ich immer spielen wollte. "The Police" war immer schon meine Lieblingsband.
intimacy-art: Sie haben aber eine andere Stimme als Sting. Sie könnten sogar Rock singen. Sie haben eine herbe, männliche Färbung.
REGEN: Hoffentlich. Aber wissen Sie, im Vergleich zu anderen Jazzmusikern, bin ich nicht darin gefangen, die Vergangenheit wieder zu erwecken, indem ich immerzu dieselbe CD "wiederhole". Ich mache lauter verschiedene CDs. Das sollte das Prinzip sein.

Jazz mit der Sensibilität des Pops

intimacy-art: Aber bei "Almost Home" denkt man auch an Billy Joel, vielleicht gemixt mit Jamie Cullum. - Mögen Sie Billy Joel?
REGEN: Ich liebe ihn. - Als amerikanischer Pianist wächst du mit bestimmten Leuten auf, die deine Helden sind. Ich bin ein Kind der 80-er. Mich beschäftigten Billy Joel und Bruce Hornsby, Leute, die wirklich einen eigenen Klang am Piano haben. Ich selbst versuchte immer schon, auch "Jazz" mit der Sensibilität eines Pop-Musikers zu spielen. In der Popmusik hast Du nur ein paar Minuten, um jemanden zu berühren. Beim Jazz spielen die Musiker zwanzig Minuten und sind noch immer nur selbst gefangen. Das stört mich. Ich gehe davon aus, dass die Leute irgendwo hin getragen werden wollen. Die Musik bedeutet für sie so viel wie für mich als Spieler.
intimacy-art: Wahrscheinlich gehen Sie den umgekehrten Weg als Leute wie ich, die zuerst Pop mochten und heute Jazz und Klassik bevorzugen.
REGEN: Ich wuchs mit Liedern auf, dann studierte ich das Piano, wo ich mich zum Jazz hingezogen fühlte. Und fand zurück zu den Liedern. Denn für mich ist ein guter Song zeitlos. Wie Jazz-Standards, sodass die Leute noch My Funny Valentine hören wollen. Das Lied hat ein Leben für sich selbst. Ich wollte ein paar solche Lieder schreiben. Mir geht es um die Melodie, die Message, die Berührung von jemandem, der nicht unbedingt ein Jazz-Freak sein muß, sondern sagt: "Ich weiß nicht, was ich mag; ich weiß nicht, wie ich es nennen soll; aber ich mag, was du machst."
intimacy-art: Vielleicht geht es Ihnen wie mir im Journalismus: Ich möchte in eine Ebene gelangen, wo ich eine bestimmte, intellektuelle Qualität halte, also nicht nur ein Standard-Interview mache, aber gleichzeitig mehr Leute erreiche, als die elitäre Kultur-Gemeinschaft.
REGEN: Sagen wir so: Ich möchte auf höchstem künstlerischem Niveau arbeiten, und gerade deshalb soll die Musik viele Leute anziehen. Ich bin kein Popmusiker, obwohl ich Popmusik liebe. Ich selbst möchte nur immer besser schreiben und spielen. Und jedes Lied und jede CD muß sich vom Vorigen unterscheiden. Auf Let It Go ist einiges jazziger, einiges popiger, einiges sehr produziert und einiges sehr nackt: nur mit mir und dem Piano.

Wie Persönliches persönlich kommt

intimacy-art: Wird der Text wieder persönlich?
REGEN: Noch persönlicher.
intimacy-art: Ich habe zwar nur den Text von "Come Close To Me" gehört, mir aber gedacht, diese Erotikbeschreibung kommt mir vom Pop her bekannt vor.
REGEN: Welches Gefühl wurde denn nicht schon vorher in der Popmusik geäußert?
intimacy-art: Den Text in "Almost Home" finde ich poetischer. Der Neue ist direkter, geht aber Hand in Hand mit dem popigeren Sound.
REGEN: Sie sollten genauer hin hören: Dieser Song wurde sehr spät in der Nacht geschrieben. Es war eine Liebesbekundung an jemanden. Tatsächlich schrieb ich ihn nach einer Periode, wo ich sehr lange Zeit allein gewesen war. Dann kam diese Person, die mich wirklich aufgeweckt hat. Und es geht nicht nur um sexuelle Energie. Da gibt es diese Zeile ...
intimacy-art: ... "Fühlst du, wie nah wir uns heute Nacht sind? Du bist so tief in mir. Ich möchte deinen Atem spüren und habe tausend mal davon geträumt." - Das hat sich jeder schon einmal gedacht.
REGEN: Es ist ein universelles Gefühl.
intimacy-art: Ja, es ist auch nett, dass Sie es sagen. Aber ich habe es nicht so geglaubt, wie die Texte in "Almost Home". Ich hab´s irgendwie konstruiert empfunden. Aber vielleicht irre ich mich.
REGEN: Sie müssen es hören, wenn es heraus kommt.
intimacy-art: Ja. - Sie wurden also nicht populärer, weil sie jetzt verheiratet sind und eine Familie gründen wollen?
REGEN: Nun, ich bin nicht verheiratet. Ich war verheiratet.
intimacy-art: Ah, das ist schon wieder vorbei?!
REGEN: Das dauerte nur sehr kurze Zeit. - Wie war die Frage?
intimacy-art: Werden Sie populärer, um eine Familie gründen und ein sicheres Leben führen zu können?
REGEN: Dass ich deshalb weniger populär sein will?
intimacy-art: Ich dachte: Sie wollen mehr Geld verdienen, um Ihre Familie ernähren zu können.
REGEN: Nein, ich treffe nie Musik-Entscheidungen wegen des Geldes.
intimacy-art: Aber wir wissen doch, dass Jazz-Musiker oft nicht mal genug Geld zum Essen haben.
REGEN (lacht)
intimacy-art: Vielleicht waren Sie ja nie in der Situation ...
REGEN: Haben Sie das Gefühl, dass ich meine Musik wegen des Geldes mache?
intimacy-art: Nein. Aber es sind Lieder, die "gefallen".
REGEN: Nun, Sie haben da ein Lied gehört, das das Poplastigste auf dem Album ist. Die neue CD enthält viele verschiedene Gefühle. Als Songwriter sage ich: Ein Song muß bedient werden. Wenn ein Song eher populär ist, werde ich ihn nicht in ein extra-künstlerisches Setting setzen, nur damit die Leute nicht sagen: "Ah, du mußtest populärer werden!" Und dass ich Andy Summers auf der CD habe, war eine gänzlich künstlerische Entscheidung. Ich ließ ihn machen, was er wollte und sagte: "Spiel, was du hörst und was du fühlst." Ich treffe keine Musikentscheidungen, die auf Geld beruhen. Hoffentlich machst du aber Geld mit der Musik, die du zu machen liebst.

Da dieses Gespräch vor Regens Konzert stattfindet, muß der Singer-Songwriter kurz für einen Toncheck unterbrechen. So tun auch wir das an dieser Stelle.

Im letzten Teil 2 bald auf dieser Site: Wie Jon Regen im Elternhaus den Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst mit bekam und welche zwiespältigen Gefühle tatsächlich hinter seinen Liedern stecken.
(Interview-Auszug vom 03.02.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)