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Tuesday, May 17, 2011

Jon Regen 2: "Oft hat jemand Fremder etwas sehr Tiefes mit dir gemeinsam"


Singersongwriter-Pianist Jon Regen und Schlagzeuger John Miller (photo © Elfi Oberhuber)

Warum reist der amerikanische Musiker JON REGEN so gerne nach Europa, um Live-Konzerte zu geben? Holen ihn seine europäisch-jüdischen Wurzeln ein? Oder ist das einfach nur Zufall, bei der Suche nach einem Markt, der noch außergewöhnlich gute Musik spielt und hören möchte? - Zweiter Teil des Gesprächs mit ELFI OBERHUBER. Für Einführung click Teil 1.


Vom amerikanischen zum europäischen Traum

intimacy-art: Sind die Bedingungen für einen Musiker in Europa und Amerika unterschiedlich?
REGEN: Ja, da gibt es einen sehr großen Unterschied. In Europa ist, glaube ich, die Musik die Show. Die Leute begeistern sich wegen der Musik. In Amerika tun sie das viel mehr wegen des Hypes, der aufgesetzten Geschichte, wegen des Happenings.
intimacy-art: So wie der Life Ball. (lacht)
REGEN: Der Life Ball ist etwas sehr Spezielles. - Genau aus diesem Grund arbeite ich ja die meiste Zeit in Europa. Die Leute mögen meine Musik und machen sich auf, um sie zu hören. In Amerika ist es viel härter, überhaupt bemerkt zu werden. Für die Werbung um die Leute mußt du sehr viel mehr Zeit investieren als du dann Zeit für die eigentliche Musikshow hast. Ich empfinde es als größere Anerkennung, für Musik-interessierte Menschen zu spielen. Und da das im Moment eher in Europa zutrifft, scheint das jetzt mein Markt zu sein.
intimacy-art: Ich halte das My-Space-Phänomen für einen Spiegel dessen, was Sie da sagen. Die Musiker müssen aktiv versuchen, mehr hörende Freunde zu bekommen und kommen aus der permanenten Akquisition gar nicht mehr heraus. Ein - amerikanischer wie europäischer - Musiker kann zwar froh sein, dass so etwas unter den gegebenen, massenmedial eindimensionalen Umständen existiert, andererseits ist es aber auch eine stressige Angelegenheit, nicht?
REGEN: My Space war sehr gut für mich, weil es einfach noch ein Platz war, um den Leuten meine Musik näher zu bringen. Es ist momentan für Musik-an-sich sehr hart, eine Vorführmöglichkeit zu bekommen, weil die unter vielen medialen Einflüssen stehenden Menschen kaum noch Zeit dafür haben. Wobei keiner mehr eine ganze CD anhört.
intimacy-art: Finden Sie? Ich höre mir im Internet gerade eine Minute etwas an, dann kaufe ich mir die CD und höre mir alles an.
REGEN: Da sind Sie bestimmt die Ausnahme. - Man muss also über jeden Platz froh sein, wo man seine Musik spielen kann, um Leute dafür gewinnen zu können. Wenn das aber die ganze Zeit beansprucht, wird es wahrscheinlich zum Problem. Andererseits haben Bands in der ganzen Musikgeschichte Posters aufgestellt. In diesem Sinne ist das einfach eine neue Technologie.
intimacy-art: Welchem Land fühlen Sie sich in Europa am nächsten?
REGEN: Ich habe kein Lieblingsland, verbringe aber viel Zeit in London, also England, Deutschland, Italien und Österreich. Die Leute sind hier sehr warmherzig und hören einfühlsam zu. Sie wollen in Deinen Kopf hinein und Deine Musik verstehen. Es ist ja schon gut für einen Künstler, wenn die Leute überhaupt reagieren und nur eine spontane Reaktion auf die Musikatmosphäre abgeben. Wenn dann noch etwas darüberhinaus zurück kommt, ist das großartig.


Jüdisch-europäische Wurzeln. Na und? Oder eben deshalb?


intimacy-art: Sind Sie jüdischer Herkunft?
REGEN: Ja, und zwar vaterseits österreichisch-ungarisch - aus der Zeit der Österreich-Ungarn-Monarchie - und mutterseits deutsch-russisch. Wo die Vorfahren genau lebten, weiß ich nicht genau, weil darüber niemand gesprochen zu haben scheint. Meine Großeltern waren bereits alle Amerikaner.
intimacy-art: Die Vorfahren gingen also um 1900 nach Amerika, nicht wegen des Zweiten Weltkriegs?
REGEN: Nein, obschon ich Verwandte hatte, die bedauerlicherweise zu dieser Zeit hier waren.
intimacy-art: Wissen Sie, zu welchem der zwölf israelitischen Stämme Sie gehören?
REGEN: Nein, das habe ich bisher nicht heraus gefunden. Entschuldigung.
intimacy-art: Demnach leben Sie nicht nach jüdischen Ritualen?
REGEN: Nein. Ich bin wohl stolz über meine familiäre Herkunft, fühle mich aber im Trennen von Menschen nicht sehr wohl, nach dem Muster, "du bist jüdisch, du bist katholisch, ..." Das ist etwas, das der Mensch macht und nicht der Geist.
intimacy-art: Gibt es in Amerika aber so etwas wie ein emotionales Band zwischen den Leuten, wenn sie von einander wissen, dass sie jüdischer Herkunft sind? Weil man ja sagt, dass sich die Juden gegenseitig helfen und deshalb in weltweiter Verbindung so stark sind - auch im intellektuellen Zusammenhang.
REGEN: Für mich sind wir alle dieselben, ob schwarz, chinesisch, jüdisch, buddhistisch, ... Ich bin stolz auf meine Eltern, weiß aber nicht, ob sie der Umstand, dass sie beide jüdisch sind, zusammen gebracht hat.
intimacy-art: Glauben Sie von sich selbst, dass Sie so etwas wie ein jüdisches Temperament haben? - Denn, wenn ich Sie spielen sehe, spüre ich, dass Sie so etwas haben: Sie spielen mit dem Inneren Ihres Körpers und nicht aus dem Kopf.
REGEN: Da, glaube ich, bin ich ein New Yorker. Das kommt nicht vom Judentum. Ich habe dem als Kind auch keine Achtung geschenkt, ob ich jüdisch bin. Obwohl ich mich anders fühlte im Gegensatz zu den Leuten rundum, die nicht jüdisch waren. Ich denke, Billy Joel ist jüdisch, und er ist ein Österreicher.
intimacy-art: Er schaut Ihnen ja auch optisch ähnlich.
REGEN: Ich denke aber echt, dass die New Yorker Energie mich so beeinflußt hat. Außerdem ist mein Vater ein Schreiber (Anm. Red.: er war ein erfolgreicher Werbetexter), meine Mutter eine Fotografin ...
intimacy-art: Aber Sie sind in New Jersey aufgewachsen, und da strömt eine andere Energie.
REGEN: Nun, abgesehen davon, dass ich mich gerade frage, ob das zu sehr in die 2. Weltkrieg-Debatte fällt, wenn wir darüber reden, wie intellektuell Juden sind. - Vielleicht hat es ja wirklich einen Einfluß, ich habe es nicht ausgeforscht. Ich bin jedenfalls ein Produkt meiner Umgebung und meiner Geschichte. Das könnte also sein.
intimacy-art: Ich möchte darüber sprechen, weil der amerikanische Nobelpreisträger und Hirnforscher Erich Kandel, gebürtig als Jude in Wien und im 2. Weltkrieg mit seinen Eltern emigriert, sehr wohl (demnächst auf intimacy: art) über die Eigenheit des Judentums spricht.
REGEN: Das ist schon interessant: denn wenn du als Jude in Amerika aufwächst, wurde Leuten meiner Generation immer gesagt, "du solltest nicht nach Deutschland, nicht nach Österreich gehen, denn da ... ba ba ba ...". Und dann finde ich hier eine Region vor, die mehr als andere Orte der Welt, wo man schreckliche Dinge verbrochen hat, nicht vom eigenen Schrecken davonrennt, sondern mehr Integration von anderen Kulturen, Rassen und Juden ... als jene anderen Orte betreibt, sich dem stellend, was vor vielen Jahren hier geschah. Das ist ein echter Versuch zu sagen, "wir können davor nicht davonrennen". Und es eröffnet auch bemerkenswerte Diskussionen in der Kunst, so etwas wie den Life Ball ... Es macht mir echt Freude, hierher zu kommen.


Wenn Europäer ihr Glück in den USA versuchen


intimacy-art: Kennen Sie umgekehrt österreichische Musiker in den Staaten?
REGEN: Joe Zawinul. Wen sollte ich noch kennen?
intimacy-art: Thomas Lang ist ein Schlagzeuger (siehe Interview mit Musiker Peter Paul Skrepek auf intimacy: art); er macht eher Rock.
REGEN: Den Namen kenne ich, ja.
intimacy-art: Er spielte mit Falco.
REGEN: Falco, ah gut.
intimacy-art: Dann war Wolfgang Muthspiel lange in Amerika.
REGEN: Oh, natürlich, ja.
intimacy-art: Nun eine ironische Frage: Mußten Sie die Europäische Gewerkschaft um Erlaubnis fragen, damit Sie hier in Österreich spielen dürfen?
REGEN: Welche Gewerkschaft, die hier?
intimacy-art: Die Frage kommt eigentlich von einem Wiener Musiker, der bei der amerikanischen Gewerkschaft um Erlaubnis fragen mußte, ob er in den Staaten spielen darf. - In Amerika muss man angeblich ja überhaupt Mitglied sein, um auftreten zu können und als Musiker anerkannt zu sein.
REGEN: Du mußt nicht, nein, höchstens, wenn du an bestimmten Orten spielen willst.
intimacy-art: Eben.
REGEN: Ich war ein Mitglied der Gewerkschaft, momentan bin ich es nicht, weil ich nicht mehr zahle. Ich habe über Jahre hinweg gezahlt, hatte aber nicht das Gefühl, dass man dort irgendetwas für mich tut.
intimacy-art: Und meine letzte Frage zum kontinentalen Gegenverhältnis: Mußten Sie Ihren Fingerabdruck am Zoll hinterlassen, um nach Europa reisen zu können?
REGEN: Wenn du nach Amerika einreist, mußt du das.
intimacy-art: Eben ...
REGEN: ... und momentan hab ich nicht mal einen Paß.
intimacy-art: Ja, weil man ihn Ihnen ja mitsamt der Geldtasche gestohlen hat (siehe Gespräch Teil 1)...


Von der genetischen zur musikalischen Heimat


intimacy-art: Was definieren Sie in Ihrem tiefsten Herzen als Heimat, sowohl in lokaler als auch musikalischer Hinsicht?
REGEN: Meine Heimat ist da, wo meine Familie und diejenigen, die mir nahe sind, leben: in der New Yorker Gegend. Und auf tieferer Ebene würde ich auch sagen, dass ich mich meiner amerikanischen Wurzeln besinne, selbst wenn ich ganz gern herausfinden würde, wo ich von der Gene her abstamme, um möglicherweise ein paar interessante Fragen beantwortet zu bekommen.
intimacy-art: Ich denke mir auch mit der Öffnung der EU in den Osten, wo immer mehr fremde Leute ins Land kommen, dass umso mehr Leute wie ich nach eigener Identität suchen. Und da muss man wirklich sehr genau suchen, um jemand zu finden, der dir sehr ähnlich ist. Sind Sie mehr angezogen von Menschen, die Ihnen ähnlich oder fremd sind?
REGEN: Oft hat ein sehr fremder Mensch etwas sehr Tiefes mit Dir gemeinsam. Ich mag Musiker und Leute, die mit einer gewissen Intensivität leben und in der Lage sind, darüber zu reden, wie sie fühlen. Ich kann nicht nicht über meine Gefühle reden. Das suche ich in Menschen. Aufrichtigkeit in einer ernsten Kommunikation.
intimacy-art: Und in musikalischer Hinsicht? - Könnte Ihre musikalische Sehnsuchtsheimat bei einer CD in Richtung Singer-Jazzsong-Writer gehen, so wie Sie es in Ihren Live-Konzerten sind?
REGEN: Darüber denken wir tatsächlich im nächsten Album nach.
intimacy-art: Echt? Ich merke nämlich jetzt wirklich, nachdem ich das dritte Konzert mit Ihnen erlebt habe und die Lieder von den CDs schon so verinnerlicht habe, dass Ihr Live-Auftritt mit der Jazz-Vermengung ein echtes Abenteuer für mich ist.
REGEN: Ich habe ja jetzt auch eine Band, mit der ich wirklich gerne arbeite. Ich muß dafür nur noch neue Lieder schreiben.
intimacy-art: Das Lustige ist, dass Ihr vom Text her oberflächlichster Song - wenn man das überhaupt sagen kann, denn Sie sind nie oberflächlich - "Only My Credit Card Remembers", im Konzert in musikalischer Hinsicht das höchste Niveau erreicht, wodurch er zu einer meiner Live-Lieblingsnummern wurde.
REGEN: Ja, der Spagat von "oberflächlich und nicht-oberflächlich" ist lustig.
intimacy-art: Sie spielen da wie ein Gott.
REGEN: Danke. Es ist tatsächlich so: dass ich eine musikalische Heimat mit den Leuten, Bassist P.J.Phillips und Schlagzeuger John Miller, erlebe, mit denen ich hier in Europa toure: in der Musik mit Ihnen mache ich Pop, Funk, Jazz, also nicht nur ein Genre.
intimacy-art: Sind sie dann auch auf dem neuen Album?
REGEN: Sie leben in London, das ist also nicht so einfach, aber definitiv ein Versuch wert.
intimacy-art: Bringen Sie Ihre exzellente The-Police-Interpretation von "How fragile we are" auch auf die neue CD?
REGEN: Nein, denn ich will keine Cover-Versionen auf eine Platte bringen. Meine Lieblingskünstler sind jene, die ihre eigene Musik schreiben, wie Billy Joel, Elton John. Selbst wenn ich live manchmal ganz gerne interpretiere. Weil das ein echt schönes Lied ist.
intimacy-art: Sie wollen Ihr eigenes Ding machen.
REGEN: Schon weil ich mir denke: wie kannst du eines Künstlers Song besser machen als er es tut - ganz besonders auf einem Album. Ich muß als Songschreiber noch einen langen Weg gehen, daran arbeite ich.
intimacy-art: Jazzer Kyle Eastwood, mit dem Sie ja spielten, hat ebenfalls einen The-Police-Song auf seinem Album. Wer von Ihnen beiden hatte zuerst dieses Faible für die Gruppe?
REGEN: Auf meinem Album spielt nur Andy Summers von The Police Gitarre. Ich habe auch nie mit Kyle über The Police gesprochen. Ich war nur mein ganzes Leben lang The-Police-Fan.
intimacy-art: Ich fand diese Parallele bei Ihnen beiden auffällig, aber auch Sting selbst hat ja eine Jazz-Ambition.
REGEN: Ja. Und das ist die Musik unserer Generation.
intimacy-art: Ich höre also heraus, dass Sie im Moment in der Musik zuhause sind, die sie gerade spielen. Haben Sie dennoch ein musikalisches Ziel?
REGEN: Ich bin noch nicht da, wo ich sein will, ich komme dem aber immer näher.

Singer-Songwriter-Pianist Jon Regen und Bassist P.J. Phillips, live im damals noch existierenden Wiener Birdland (photo © Elfi Oberhuber)

(Interview-Auszug vom 18.05.2008, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Tuesday, May 10, 2011

Jon Regen 1: "Ich schreibe besser, wenn ich traurig bin"



Ein Amerikaner spielt bevorzugt in Europa: Jazz-n´-Blues-Singersongwriter JON REGEN. Weshalb scheinen ihn die Europäer tiefer zu verstehen, ihn, der besser schreibt, wenn er traurig ist? Warum schenkt das österreichische Life-Ball-ORF-Fernsehen diesem Verständnis keine Achtung? Und machen sich Bescheidenheit und Dankbarkeit für einen Ausnahmemusiker jemals bezahlt?
- ELFI OBERHUBER sprach mit dem Musiker nach seinen letzten Wien-Konzerten im Wiener Birdland und am Life Ball im Rathaus im Mai 2008, und bevor er am 18.5. 2011; 20h30, nach drei Jahren erstmals wieder in Wien (REIGEN) spielen wird. In diesem Gespräch gibt er den Arbeitsprozeß auf seine kommende CD Revolution preis, deren Lieder er neben seinen Hits mit seiner dreiköpfigen Tour-Band (mit Schlagzeuger John Miller, Bassist PJ Phillips aus London) präsentieren wird.

Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)

Kurzprofil JON REGEN
- (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) ist für die Region Österreich so etwas wie eine intimacy: art-Entdeckung. Der New Yorker Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären J
azzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen jeden, ob Mann, Frau, jung, alt. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. Er behandelt hier im Stil einer Fortsetzungsgeschichte das Thema "Verlust einer Liebe", sodass die CD sprichwörtlich ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk wird. (Siehe intimacy: art-Kritik MUSIK: MELANCHOLIE DES LOSLASSENS) Ende April 2011 steckt seine jüngste CD Revolution kurz vor den Vertriebsstartlöchern. Sie wirkt atmosphärisch fröhlicher, blues-rockiger und lockerer, ohne jedoch die für Regen typisch bittere inhaltliche Note zu verlieren. Die Co-Musiker sind hier: Andy Summers, Benmont Tench, David McAlmont und andere Stargäste, und Michael Brauer und John Porter mischen die Musik mit. Sie erscheint in Selbstproduktion mit dem Keyboarder-Produzenten Matt Rollings, gemastered von Greg Calbi bei Sterling Sound in New York. Für die intimacy: art-CD-Kritik siehe MUSIK: JON REGEN KOMMT MIT "REVOLUTION" WIEDER NACH WIEN, Hörbeispiele siehe http://jonregen.com/

JON-REGEN-BAND-LIVE-KONZERT IN WIEN: 18.5.2011 im REIGEN (U-Bahn-Station Hietzing), 1140 WIEN, HADIKGASSE, 20h30; sowie am 8.5.2012 ebenfalls im REIGEN WIEN


Karriere-Chance und Dank beim Life Ball

intimacy-art: Ich habe mir gestern im Fernsehen nur aus einem Grund den Life-Ball angesehen: um Sie zu sehen ...
JON REGEN
: ... und wir waren gar nicht im Fernsehen.
intimacy-art
: Genau. So denke ich mir: wenn man als Künstler für die Arbeit dort als Gäste-Unterhalter keine Gage bekommt, so sollte man doch zumindest im Fernsehen gezeigt werden. Ein Musiker wie Sie sollte dafür die Chance haben, im Nachhinein ein größeres Publikum für seine CDs gewinnen zu können. Das fände ich anständig.
REGEN
: Ich finde es in Ordnung, dass das dort verdiente Geld einem wichtigen Charity-Projekt zugute kommt. Es kostet uns zumindest nichts, hier zu sein. Und wir können aus wichtigem Grund mitfeiern, es mit Kunst anreichern.
intimacy-art: Wider solch großer Selbstlosigkeit könnte manch einer auf die Idee kommen, sich seinen Lohn anderweitig zu holen.
REGEN
(kryptisch): Sagen wir so, deine offene Brieftasche auf dem Klavier soll sich mit der Güte des Menschen auch in so einem Rahmen nicht messen ...
intimacy-art
: Warum ich so hoffnungsfroh war, Sie im Fernsehen zu sehen, lag aber eigentlich an etwas anderem: ich dachte mir, oh, nun treten da doch Künstler auf. Es wäre die Möglichkeit gewesen, den Life-Ball ästhetisch anzuheben.
REGEN
: Die Aufmerksamkeit der Fernsehregie liegt nun mal auf dem theatralisch dramatischen Teil. Vielleicht kommen wir aber nächstes Jahr dran, denn auch wir absolvierten eine Hoch-Energie-Show, die die Leute einschließlich unserer Musik sehr mochten.
intimacy-art
: Und wie entwickelt sich Ihre Karriere ohne Life Ball?
REGEN
: Bei unserem ersten Gespräch vor zwei Jahren standen wir noch am Anfang, spielten erst in ein paar Häusern. Heute arbeite ich viel mehr und investiere ich sehr viel Zeit, um Städte zu besuchen und einen entsprechenden Eindruck zu hinterlassen. Und mit dem international wachsenden Publikum an der eigenen Musik noch zu wachsen, ist das eigentliche Ziel.
intimacy-art: Ihre CD Let It Go gibt es ja schon auf dem asiatischen Markt, nicht?
REGEN
: Ja, die Asiaten mögen meine Musik. Der Vertrieb in Japan, wo ich mit Jimmy Scott auch live einmal gespielt habe, läuft seit Jänner.


Vom endlosen Loslassen in Let It Go

rechts: 2 Bilder mit Textausschnittes von Jon Regens Song
The Last Song
(letztes Lied auf der CD:
Let It Go, 2007)

intimacy-art: Die "Let It Go"-Musiktexte aller Lieder zusammen scheinen eine Fortsetzungsgeschichte zu ergeben, worin Sie noch nicht wirklich bereit waren, sich von einer Frau zu trennen ...
REGEN
: Ja, nur dass es nicht nur eine Frau war, sondern eine Reihe von ...
intimacy-art
: ... Frauen.
REGEN (stutzt)
: Hinter dieser scheinbar oberflächlichen Eitelkeit steckt eine Reihe an über lange Zeit zerbrochenen Beziehungen, deren jeweilige situative Stimmung in mir ich in den Liedern beschreibe. Sie schienen sich irgendwie alle zur letztlich vollständigen Geschichte zu ergänzen, während sich ihre Verläufe zwischen Liebe, Verlust und Verlorenheitsgefühlen ähnlich abspielten. Das alles war eine Periode in meinem Leben, die inzwischen einige Jahre her ist. Wenn die Platte rauskommt, entspricht der darin beschriebene Text ja nicht mehr deinem aktuellen Leben.
intimacy-art: Ich halte diese CD für so gelungen, weil man sie über Jahre ständig anhören kann. Sie ist in der Abfolge der Lieder und im Atem der Arrangements so stimmig, dass sie die Nerven des Zuhörers nie strapaziert.
REGEN
: An den Arrangements arbeite ich auch sehr hart. Am Sequenzieren, vom Anfang bis zum Ende. In Wahrheit hat mich diese CD ja fast umgebracht. Während eines ganzes Jahres Arbeit, war sie einfach nie ganz richtig. Alle Lieder noch mal zu remixen, das kostete sehr viel Zeit. Und ich höre noch immer, was alles zu verbessern wäre. Sie war für mich auch so wichtig, weil sie ein Neustart, eine Chance war, als Solokünstler am Piano oder im Trio zu singen und dabei verschiedene Farben zu verwenden, in einer bestimmten, ein bißchen angehobenen Balance zwischen Piano, Schlagzeug und Bass. Letztendlich bin ich aber doch sehr stolz auf die CD Let It Go, weil sie mich Geld, Entscheidungen und Zeit gekostet hat. Auf jene entfernte Zeit, wenn ich einmal leicht und freudig darauf blicken kann, bleibt noch zu hoffen.
intimacy-art: Schön ist ja: In den ersten Texten haben Sie eine Kraft, etwas Neues anzufangen, doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein und wirft sie als Schwachen zurück. Und am Ende ist "The Last Song" gar kein letzter Song, sondern das Gegenteil davon. Das hat viel schwarzen Humor und schildert von der Abhängigkeit des Menschen von seinen Erfahrungen, wobei die Flexibilität mit der Reife nachläßt.
REGEN
: Es gibt ja Leute, die eine Idee für ein Thema haben und darüber ein Lied schreiben können. Das kann ich nicht. In meine Musik fließt ein Teil meines Lebens hinein, sie ist absolut persönlich. Und so schreibe ich prinzipiell besser, wenn ich traurig bin. Einige Lieder dieser CD beziehen sich auf eine bestimmte Person, einige auf verschiedene Personen. Ich war auch mal verheiratet ...
intimacy-art
: War sie diejenige, die Sie mit "The Last Song" meinten?
REGEN
: Nicht absichtlich. Ich habe diesen Verlust aber einige Zeit in mir verhandelt. Bis ich jemand Neuen traf, und diese Trauer von mir abfiel. Und in I Come Undone schreibe ich über eine Freundin, die sich das Leben genommen hat.
intimacy-art
: Ja, ich weiß.
REGEN
: Ich habe gelesen, dass Sie das erwähnt haben. Obwohl ich es nicht gesagt hatte. Denn normalerweise spreche ich nicht darüber.
intimacy-art: Ja, es ist versteckt. Von Ihrer CD-Widmung aus ist es aber nachzurecherchieren. Wie ist das mit ihr gekommen?
REGEN
: Sie war eine Freundin aus meinen Zwanzigern. Wir verloren uns aus den Augen, sie heiratete, ich heiratete. Später kontaktierten wir uns wieder und wurden Freunde. Was dann passierte, konnte ich nicht absehen, niemand konnte das. Sie hatte so viele Interessen und so eine große Energie, die sie in Vielarbeit von Fotografieren, über das Betreiben einer Internetfirma bis zu Grafik fruchten ließ. - Ich liebe es ja, mit jemandem durchs Leben zu reisen; sprich, indem ich ihn, als ich jung war, eigentlich nicht so gut kannte, ihn aber nach zwölf Jahren wiedersehe, und nach Rückschlägen und Wiederaufstehen neu entdecke. Es war wirklich berührend, einander mit etwas mehr Falten im Gesicht wieder zu sehen. Und mit diesem Lied möchte ich von tiefem Herzen aus ihrem Geist erinnern. Ich wollte beschreiben, wie jemand plötzlich nicht mehr da ist, der in Deinem Inneren einen so großen Platz eingenommen hatte, sodass Du Dich dann selbst total verloren fühlst.
intimacy-art
: Im Live-Konzert haben sie das Lied kurzfristig dem verstorbenen Joe Zawinul umgewidmet.
REGEN
: Ja. Weil es auch ein universelles Gefühl beschreibt, das jeder teilt, wenn er jemanden verliert. Für mich war es aber doch eine einmalige Erfahrung, so etwas erleben zu müssen. Es hat mich sehr bewegt. Darüber zu schreiben hat mir am Ende geholfen und brachte mir die Erkenntnis, dass man sich nach dem Tod des Guten im Menschen erinnert. Nach langer Zeit denkt man an die lustigen und glücklichen gemeinsamen Momente. Die Lieder, die ich schreibe, sind im Affekt der erlebten Zeit zwar traurig, nach einiger Zeit wundere ich mich aber, ob das, was ich da singe, wirklich noch stimmt, weil es mittlerweile nicht mehr danach aussieht.
intimacy-art: Sind Sie also jetzt glücklicher?
REGEN
: Ja. Obwohl ich einen Freund zitieren muss, der sagt, "Fröhlichkeit ist eines Songwriters Albtraum". In Konfliktsituationen wie verrückten Beziehungen ringt man zwar sehr mit sich, schreibt aber gut. Meine jetzige Lebensgefährtin ist sehr umgänglich, und sehr stolz auf das, was ich mache. Und wenn ich auf Reisen bin, sehne ich mich sehr nach ihr.


Außerdem demnächst zu lesen in Teil 2: Vom amerikanischen zum europäischen Traum, jüdischen Wurzeln und dem Bewußtsein von einer musikalischen Heimat des Jon Regen mit Ausblick auf die Arbeit an der CD Revolution

(Interview-Auszug vom 18.05.2008, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Tuesday, March 13, 2007

Jon Regen 1: "Ich will alles frei entscheiden können und immer besser werden"


Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)


Was ist künstlerische Freiheit für einen Jazzer wie JON REGEN? Schließt sie das Bedürfnis nach privater Freiheit mit ein? - Oder läßt sich beides gar mit "Popularität" vereinen? - Eine Diskussion mit ELFI OBERHUBER, die unter gegenwärtigen kulturpolitischen Bedingungen auch für Österreich hoffnungsvoll ist, auch wenn das Problem weder privat, noch musikalisch leicht für den Musikkünstler in Harmonie zu bringen ist.

Kurzprofil JON REGEN (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) gilt momentan als "die" Entdeckung New Yorks. Der Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären Jazzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen nicht nur Frauen. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine neue CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. - Wieder ein gänzlich neuer Auftritt, indem er eine weitere Facette seiner Selbst realisiert.

- In welcher Verbindung Jon Regen zu Jazz-Bandleader Kyle Eastwood und dem Underground- Club- Jazz- Genre steht, erfährt man über intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / WATCHER (bzw. TIPPS) / Archives: March. Titel: TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN

- Die Kritik zu Jon Regens Almost Home-Konzert ist zu finden in: intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / CRITIC / Archives: February. Titel: MUSIK: ENTDECKUNG JON REGEN AUF "ALMOST HOME"-TOUR IN WIEN



Private u
nd künstlerische Freiheit als Gegensatz

Text (Deutsch-Annäherung zu) - Jon Regens Song
What Am I Supposed To Do From Here/
Was soll ich von hier aus tun?
(in CD: Almost Home, 2004)


intimacy-art: Was ist für Sie "Freiheit"?
JON REGEN: Die Möglichkeit, den eigenen Kurs zu wählen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ob nun in der Musik oder im Leben.
intimacy-art: Brauchen Sie diese Freiheit auch privat, um sich wohl zu fühlen?
REGEN: Ich habe zumindest das Bedürfnis, die Grenzen in mir zu erforschen und sie gegebenenfalls niederzureißen. Außerdem möchte ich nirgends hinein geboxt werden. Weder musikalisch, noch in einen Job, von dem die Gesellschaft meint, er entspräche einer normalen Existenz. Musiker geworden, bin ich nur wegen der Musik. Da die Freiheit vor allem dem Jazz innewohnt, muß sie als Lebensstil nun mal mit erforscht werden.
intimacy-art: Mein Eindruck war aufgrund Ihrer Musiktexte in "Almost Home", dass Sie eher eine Schutzzone brauchen. Also eigentlich das Gegenteil von privater Freiheit.
REGEN: Diese Lieder schrieb ich während einer Zeit, als ich mit dem Jazzsänger Jimmy Scott tourte. Ich wollte einerseits das erste Mal lieber zuhause sein, weil ich gerade eine Beziehung eingegangen war, andererseits war ich glücklich darüber, meine Träume des Jazzreisens endlich als bewahrheitet zu erleben. Das war sehr hart.
intimacy-art: Wollen Sie privat genauso frei sein wie als Künstler?- Viele Männer wollen ja intim frei sein, indem sie jede Nähe meiden.
REGEN: Meinen Sie sexuelle oder romantische Freiheit?
intimacy-art: In jeder Hinsicht. Diese Männer haben Sex, aber es ist ein kalter Sex.
REGEN: Nein, nach so einer Freiheit sehne ich mich nicht wirklich. Ich glaube, wir suchen alle nach einer Heimat, nach jemandem, mit dem wir das Leben durchlaufen wollen. Das halte ich für eine schöne Sache.
intimacy-art: Aber in den Momenten, als Sie diese Lieder schrieben, wirken Sie verloren und verlassen. War das so?
REGEN: Diese CD schöpft aus einer sehr herausfordernden Beziehung, wobei einige Songs aus dieser Art von Rollenspiel heraus geschrieben wurden. Aus meiner Vorstellung zu fragen: "Was wäre, wenn diese Beziehung perfekt wäre, sodass ich nach hause kommen wollte?" Tatsächlich war sie sehr schwierig. Der autobiografischste Song ist wohl, What Am I Supposed To Do From Here, den ich an diese Person als Liebesbrief geschrieben habe, der sagt: "Ich weiß nicht, wie ich sein soll, damit ich bin, wie du willst, dass ich bin." Das haben Sie also treffend wahrgenommen. Es ist ein autobiografisch-poetisches Album, worin ich zwischen zwei Orten pendle und um eine Lösung ringe.
intimacy-art: Es ist sicher Ihre persönlichste CD.

Von der Persönlichkeit zur Popularität

REGEN: Gleichzeitig hat sie etwas Leichtes und Frisches, als erste CD mit Liedern, Text und Gesang von mir. Die neue CD wird viel - dunkler nicht, aber - tiefer, indem sie ausforscht, was passiert, wenn alles auseinander fällt, und man sich von dort aus weiter zu bewegen versucht. Lieder-Schreiben ist also eine Reise. Und den Ort, wo ich jetzt bin, empfinde ich als sehr, sehr befriedigend. Weil ich mich dem nähere, wo ich meine eigene Geschichte erzähle.
intimacy-art: Mir kommt das nicht ganz so vor. - Das wollen wir aber aufrollen. - Wie muss das Umfeld sein, dass Sie sich künstlerisch frei fühlen?
REGEN: Ich bin sehr darauf konzentriert, zu entscheiden, was ich spielen will. Selbst im jetzigen Punkt meiner Karriere, wo mich dauernd Leute bitten, bestimmte Lieder und Stile zu spielen.
intimacy-art: Ich habe das Gefühl, Sie wollen in Ihrer neuen CD populärer sein.
REGEN: In negativem Sinne?
intimacy-art: Ohne es zu bewerten. - Wären Sie gerne populärer?
REGEN: Es sollen zumindest mehr Leute meine Musik hören. Im Sinn von Geld und Ruhm möchte ich nicht populärer sein. Als Künstler willst du möglichst viele Menschen berühren. Du machst die Musik nicht für die Familie, deine vier Wände.
intimacy-art: Für mich halten Sie in der Jazz-CD "Tel Aviv" das hohe Niveau in der Musik, also im Klavierspiel, wie in "Almost Home" im persönlichen Touch, insbesondere durch Text und Gesang. "Let It Go" scheint mit Produzent Brad Albetta und The-Police-Gitarrist Andy Summers Popularmusik mit Underground-Flair zu werden, wo sich das Niveau auf mehrere Leute aufteilt.
REGEN: Wir haben alle viele Seiten in uns. Brad Albetta steckte mich jetzt mit der Idee an, meine Lieder und meine Stimme so zu rahmen, dass sie wirklich die CD ausmachen. Und da ich mir dachte, nicht alles selber machen zu können, ich zudem Lust auf Neues hatte, war das für mich ein sehr interessanter Prozeß. Außerdem ist Andy Summers ein Freund von mir, mit dem ich immer spielen wollte. "The Police" war immer schon meine Lieblingsband.
intimacy-art: Sie haben aber eine andere Stimme als Sting. Sie könnten sogar Rock singen. Sie haben eine herbe, männliche Färbung.
REGEN: Hoffentlich. Aber wissen Sie, im Vergleich zu anderen Jazzmusikern, bin ich nicht darin gefangen, die Vergangenheit wieder zu erwecken, indem ich immerzu dieselbe CD "wiederhole". Ich mache lauter verschiedene CDs. Das sollte das Prinzip sein.

Jazz mit der Sensibilität des Pops

intimacy-art: Aber bei "Almost Home" denkt man auch an Billy Joel, vielleicht gemixt mit Jamie Cullum. - Mögen Sie Billy Joel?
REGEN: Ich liebe ihn. - Als amerikanischer Pianist wächst du mit bestimmten Leuten auf, die deine Helden sind. Ich bin ein Kind der 80-er. Mich beschäftigten Billy Joel und Bruce Hornsby, Leute, die wirklich einen eigenen Klang am Piano haben. Ich selbst versuchte immer schon, auch "Jazz" mit der Sensibilität eines Pop-Musikers zu spielen. In der Popmusik hast Du nur ein paar Minuten, um jemanden zu berühren. Beim Jazz spielen die Musiker zwanzig Minuten und sind noch immer nur selbst gefangen. Das stört mich. Ich gehe davon aus, dass die Leute irgendwo hin getragen werden wollen. Die Musik bedeutet für sie so viel wie für mich als Spieler.
intimacy-art: Wahrscheinlich gehen Sie den umgekehrten Weg als Leute wie ich, die zuerst Pop mochten und heute Jazz und Klassik bevorzugen.
REGEN: Ich wuchs mit Liedern auf, dann studierte ich das Piano, wo ich mich zum Jazz hingezogen fühlte. Und fand zurück zu den Liedern. Denn für mich ist ein guter Song zeitlos. Wie Jazz-Standards, sodass die Leute noch My Funny Valentine hören wollen. Das Lied hat ein Leben für sich selbst. Ich wollte ein paar solche Lieder schreiben. Mir geht es um die Melodie, die Message, die Berührung von jemandem, der nicht unbedingt ein Jazz-Freak sein muß, sondern sagt: "Ich weiß nicht, was ich mag; ich weiß nicht, wie ich es nennen soll; aber ich mag, was du machst."
intimacy-art: Vielleicht geht es Ihnen wie mir im Journalismus: Ich möchte in eine Ebene gelangen, wo ich eine bestimmte, intellektuelle Qualität halte, also nicht nur ein Standard-Interview mache, aber gleichzeitig mehr Leute erreiche, als die elitäre Kultur-Gemeinschaft.
REGEN: Sagen wir so: Ich möchte auf höchstem künstlerischem Niveau arbeiten, und gerade deshalb soll die Musik viele Leute anziehen. Ich bin kein Popmusiker, obwohl ich Popmusik liebe. Ich selbst möchte nur immer besser schreiben und spielen. Und jedes Lied und jede CD muß sich vom Vorigen unterscheiden. Auf Let It Go ist einiges jazziger, einiges popiger, einiges sehr produziert und einiges sehr nackt: nur mit mir und dem Piano.

Wie Persönliches persönlich kommt

intimacy-art: Wird der Text wieder persönlich?
REGEN: Noch persönlicher.
intimacy-art: Ich habe zwar nur den Text von "Come Close To Me" gehört, mir aber gedacht, diese Erotikbeschreibung kommt mir vom Pop her bekannt vor.
REGEN: Welches Gefühl wurde denn nicht schon vorher in der Popmusik geäußert?
intimacy-art: Den Text in "Almost Home" finde ich poetischer. Der Neue ist direkter, geht aber Hand in Hand mit dem popigeren Sound.
REGEN: Sie sollten genauer hin hören: Dieser Song wurde sehr spät in der Nacht geschrieben. Es war eine Liebesbekundung an jemanden. Tatsächlich schrieb ich ihn nach einer Periode, wo ich sehr lange Zeit allein gewesen war. Dann kam diese Person, die mich wirklich aufgeweckt hat. Und es geht nicht nur um sexuelle Energie. Da gibt es diese Zeile ...
intimacy-art: ... "Fühlst du, wie nah wir uns heute Nacht sind? Du bist so tief in mir. Ich möchte deinen Atem spüren und habe tausend mal davon geträumt." - Das hat sich jeder schon einmal gedacht.
REGEN: Es ist ein universelles Gefühl.
intimacy-art: Ja, es ist auch nett, dass Sie es sagen. Aber ich habe es nicht so geglaubt, wie die Texte in "Almost Home". Ich hab´s irgendwie konstruiert empfunden. Aber vielleicht irre ich mich.
REGEN: Sie müssen es hören, wenn es heraus kommt.
intimacy-art: Ja. - Sie wurden also nicht populärer, weil sie jetzt verheiratet sind und eine Familie gründen wollen?
REGEN: Nun, ich bin nicht verheiratet. Ich war verheiratet.
intimacy-art: Ah, das ist schon wieder vorbei?!
REGEN: Das dauerte nur sehr kurze Zeit. - Wie war die Frage?
intimacy-art: Werden Sie populärer, um eine Familie gründen und ein sicheres Leben führen zu können?
REGEN: Dass ich deshalb weniger populär sein will?
intimacy-art: Ich dachte: Sie wollen mehr Geld verdienen, um Ihre Familie ernähren zu können.
REGEN: Nein, ich treffe nie Musik-Entscheidungen wegen des Geldes.
intimacy-art: Aber wir wissen doch, dass Jazz-Musiker oft nicht mal genug Geld zum Essen haben.
REGEN (lacht)
intimacy-art: Vielleicht waren Sie ja nie in der Situation ...
REGEN: Haben Sie das Gefühl, dass ich meine Musik wegen des Geldes mache?
intimacy-art: Nein. Aber es sind Lieder, die "gefallen".
REGEN: Nun, Sie haben da ein Lied gehört, das das Poplastigste auf dem Album ist. Die neue CD enthält viele verschiedene Gefühle. Als Songwriter sage ich: Ein Song muß bedient werden. Wenn ein Song eher populär ist, werde ich ihn nicht in ein extra-künstlerisches Setting setzen, nur damit die Leute nicht sagen: "Ah, du mußtest populärer werden!" Und dass ich Andy Summers auf der CD habe, war eine gänzlich künstlerische Entscheidung. Ich ließ ihn machen, was er wollte und sagte: "Spiel, was du hörst und was du fühlst." Ich treffe keine Musikentscheidungen, die auf Geld beruhen. Hoffentlich machst du aber Geld mit der Musik, die du zu machen liebst.

Da dieses Gespräch vor Regens Konzert stattfindet, muß der Singer-Songwriter kurz für einen Toncheck unterbrechen. So tun auch wir das an dieser Stelle.

Im letzten Teil 2 bald auf dieser Site: Wie Jon Regen im Elternhaus den Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst mit bekam und welche zwiespältigen Gefühle tatsächlich hinter seinen Liedern stecken.
(Interview-Auszug vom 03.02.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Sunday, January 07, 2007

"Mich interessiert nicht die Scham, sondern das, wofür Liebe steht", Elke Krystufek 3


Bild: „L’épousée“, 2005 © Elke Krystufek, (dt: Die Geheiratete = Die Angepaßte), Foto: MAK/Georg Mayer, 2006


Letzter Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit der bildenden Künstlerin ELKE KRYSTUFEK über "Scham". Anläßlich ihrer aktuellen Ausstellung Liquid Logic im Wiener MAK. Für die Teile 1+2 und Einführung scroll down.


Wie echt ist Elke Krystufeks Liebe zu Vladimir und Donat?

intimacy-art: Glauben Sie, dass sich das Maß an Schamgefühl eines Künstlers im Laufe der Jahre ändern kann? Auch im Investieren des Körpers bzw. eigener Schamteile, vor allem, wenn das Privat- und Sexualleben mit einem Partner intakt ist, den man wirklich liebt?
KRYSTUFEK: Also, mein größtes Schamgefühl empfinde ich beim Gedanken, in einem Land zu leben, wo der Holocaust so viel an Kultur vernichtet hat. Das halte ich eigentlich für relevanter als die Überlegung, ob man sich jetzt privat oder öffentlich schämt.
intimacy-art: Es ist Ihnen also nie ein Partner begegnet, für den es ein Problem war, dass Sie sich jedem so freizügig zeigen?
KRYSTUFEK: Für mich hat sich diese Frage nie gestellt, weil ich in erster Linie bildende Künstlerin bin. Ob es dabei ein Privatleben gibt oder nicht, war für mich in diesem Ausmaß gar nie relevant.
intimacy-art: Jetzt habe ich in der Ausstellung aber tatsächlich Männer gefunden, die Ihnen besonders viel zu bedeuten scheinen: der Donat und der Vladimir.
KRYSTUFEK: Wer ist Vladimir? (lacht heftig) Den kenne ich nicht.
intimacy-art: Er kommt in einem sehr sehnsüchtig blickenden Selbstporträt von Ihnen im Titel "Dear Vladimir, Love Lolita, 2006", vor.
KRYSTUFEK: In der Zeichnung wird nur Vladimir Nabokov zitiert.
intimacy-art: Und wer ist Donat?
KRYSTUFEK: Donat ist der Kameramann, der die Filmmusik geschrieben hat, der dadurch zu einer der Hauptpersonen des Films wurde. Er bringt im Rahmen dieser MAK-Ausstellung auch seine erste CD heraus: Let me say your name - Donat.
intimacy-art: Ist das Ihr Freund? Man könnte es vom Porträt her annehmen, das Sie von ihm gezeichnet haben. Weil Sie sonst ja meistens nur sich selbst zeichnen.
KRYSTUFEK: Wir kennen uns absolut nur auf beruflicher Ebene.

Elke Krystufeks Panton-Sessel-Assoziation, der einst für Erotikdesign stand: Panton Stuhl (2004) auf Happy Penis, 2006 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Natascha Kampusch - Bild von Freiheit und Einsamkeit

intimacy-art: Nun haben Sie die MAK-Ausstellung unter den Begriff "History" gestellt, wobei Sie mit Ihren Werken mit Verführung, Lust, Erotik und Zärtlichkeit den Rahmen bilden: Ihre (Selbst)porträts stellen Sie dabei mit dem Kunstbegriff in Zusammenhang. Das besetzen Sie aber auch mit Widersprüchen wie "Natascha und die Freiheit", was den Betrachter in diesem Rahmen auch "Kunst und die Freiheit" assoziieren läßt -...
KRYSTUFEK: Natascha Kampusch und Freiheit haben ja nicht viel gemeinsam. Dahinter liegt die Idee, niemanden einsperren zu dürfen.
intimacy-art: Genau. Sie haben es aber unter diesen Kunstgeschichte-Titel gesetzt.
KRYSTUFEK: Es gibt da den Zeitungstitel Natascha und die Idee von Freiheit (Natascha the odd idea of freedom), aber als Reflexion darüber, dass ihr Peiniger sie eingesperrt hat. Seine Idee von Freiheit bzw. freiem Leben war ja offensichtlich, jemanden einzusperren.
intimacy-art: Ich hätte mir eher gedacht, dass Sie, nachdem Natascha geflohen ist, infragestellen, ob sie jetzt frei ist?
KRYSTUFEK: Jetzt ist sie schon endlich frei.
intimacy-art: Das sehen Sie ausnahmsweise also einmal wirklich konkret wie im Leben. Mich verleitete es daran zu denken, dass man als Mensch sowieso nie frei ist, und da das im Kunstzusammenhang hängt, dass man in der Kunst eventuell auch nie frei ist.
KRYSTUFEK: Nein, es ging wirklich um diesen konkreten Fall, der mich anfangs sehr interessierte, bevor er so sehr zur Mediengeschichte wurde, dass ich ihn nicht mehr verfolgt habe. Von dieser Geschichte hatten sich offensichtlich viele Frauen angesprochen gefühlt, die vielleicht auch durch ein zu hohes Maß an Kontrolle geprägt sind. Es interessierte mich aber auch die Einsamkeit, die einen Menschen dazu treibt, einen anderen für sich einzusperren.

Elke-Krystufek-Haltung: für die MAK-Ausstellung bei einem Stuhl von Raimund Abraham: Liquid Logic + Raimund Abraham © Elke Krystufek/MAK, Liquid Logic, 2006, Foto: Georg Schwarz

Kunst- und Privatliebe - zwei zu trennende Lieben

intimacy-art: Sie setzen sich selbst nun als Rahmen um diese großen Werke herum, als würden Sie sich in gewisser Weise schon jetzt ein eigenes Denkmal setzen. Als größte Liebe, als größtes Ziel. Im Verhältnis zu den weniger präsenten, realen geschriebenen Liebeswünschen wie "I just was waiting - who waits wins - die Herzspinne", dominieren Ihre Liebesbezüge zur Kunst wie zu Jackson Pollock.
KRYSTUFEK: Bei ihm geht es mir um den orgasm, in Wahrheit aber sehr stark um Sprachspiele. Das kann man nun nicht eins zu eins lesen. In der Ausstellung gibt es sehr viele Spiele der Sprache mit sich selbst. Ein Teil meiner Sprache kommt sehr stark aus der Popkultur, der andere aus der Literatur oder Kunstgeschichte. Und diese verschiedenen Sprachen spielen miteinander.
intimacy-art: Aber sehen Sie, jetzt muß ich Sie halt direkt fragen, letztenendes die Kunst als Ihre große Liebe an? Weil man darin Ihre ganze Persönlichkeit ehrlich ausgedrückt sieht?
KRYSTUFEK: Kunst ist ein Bedeutungssystem, sie ist selbst eine Sprache. Sprachen sind weder ehrlich, noch unehrlich.
intimacy-art: Aber Ihr Ansatz, sich dem zu stellen, kommt wohl aus einem ehrlichen Impuls heraus?
KRYSTUFEK: Ich weiß nicht, ob Ehrlichkeit wirklich ein künstlerisches Kriterium ist. Es geht darum, Zeichen herzustellen, Zeichen infrage zu stellen, in dem Fall, Designobjekte wie den Panton-Sessel, der einst für eine bestimmte Form von Erotik und Design stand, neu zu definieren, oder das Swastika-Symbol mit etwas Unvereinbarem wie Minori in einem Raum zusammen zu zeigen, und damit Behauptungen aufzustellen, dass wir uns vom Ausmaß der Gewalt in diesem engeren Kulturkreis entfernt haben, weil es jetzt möglich ist, Themen zu diskutieren.
intimacy-art: Dann kann man bei Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, wie Sie die Pole Liebe, Scham und Kunst setzen? Vielleicht kann man das als Künstler selbst auch gar nicht sagen. - Konkret: Ist Ihnen private Liebe genauso wichtig wie Liebe zur Kunst?
KRYSTUFEK: Das sind Fragen, die ich mir so nicht stellen würde.
intimacy-art: Sie leben es einfach.
KRYSTUFEK: Mich interessiert Liebe als Transzendenz in der Ausstellung, das, wofür Liebe steht. Im Zusammenhang mit der Ehe interessiert mich das als Künstlerin schon vor allem kulturhistorisch.
intimacy-art: Genau, das mit der Ehe fand ich ja auch interessant. Sie haben geschrieben, "Next time, I will say yes". Das steht aber wieder im direkten Bezug zur Kunst. Oder ist das privat gemeint?
KRYSTUFEK: Nichts, was in dieser Ausstellung ist,...
intimacy-art: ...ist privat gemeint. (zusammen gesagt) lacht
KRYSTUFEK: ... ist privat gemeint. (zusammen gesagt) lacht ... Die ganze Ausstellung ist history, bezieht sich also auf die Kunstgeschichte, konkret die historischen Designobjekte des MAK, mit denen ich mich mit meiner Kunst auseinandersetze.


Magic Places, 2005 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006, ist eines der Werke, worin Elke Krystufek ihre wahre Sehnsucht nach echter Liebe zeigt. Selbst wenn darauf fast unmerklich der Satz "The Libido in the Gaze" (Der Trieb in erstarrtem Blick) das Ganze wieder in coole Ironie setzt.

(Interview-Auszug vom 5.12.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Tuesday, January 02, 2007

"Ob ich die Scham eines anderen verletze, kann niemand beantworten", Elke Krystufek 2


Bild: Mrs. Wiener Werkstätte, 2006 © Elke Krystufek
Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Zweiter Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit der bildenden Künstlerin ELKE KRYSTUFEK über "Scham". Anläßlich ihrer aktuellen Ausstellung Liquid Logic im Wiener MAK. Für Teil 1 und Einführung scroll down.

Menschen schämen sich wie Tiere (nicht)

intimacy-art: Jetzt ist es vom Defintionsbegriff her so, dass die Scham erst dann entsteht, wenn der Mensch - bzw. auch das Tier, das Kind - ein Gegenüber als Gegenüber wahrnimmt. D.h., wenn das Kind merkt: Das ist der Andere, und das bin ich, fängt es an, sich zu schämen. In dieser Hinsicht trägt Scham zur Selbstfindung und letztendlich zur Sozietät bei. Sehen Sie das auch so?
KRYSTUFEK: Ich glaube, dass bei Kindern Scham anerzogen wird. Angesicht von Tieren empfinden wir nicht unbedingt Scham. Sonst würde niemand nackt baden gehen.
intimacy-art: Tiere empfinden aber gegenüber dem Menschen bzw. anderen Tieren Scham. Wenn sie aufs Klo gehen, zum Beispiel die Katzen.
KRYSTUFEK: Hunde nicht unbedingt. (lacht)
intimacy-art: In dem Fall hätte Scham mehr mit Angst zu tun, dem Wunschbild des anderen nicht zu entsprechen.
KRYSTUFEK: Scham hat sehr viel mit Erziehung zu tun und hat natürlich eine gesellschaftliche Funktion: weil Sexualität reglementiert sein muß, einfach, um die Aufzucht von Kindern zu gewährleisten. Gäbe es so etwas wie die Schamgrenzen nicht, wäre das Ausmaß von Sexualität wahrscheinlich so groß, dass es niemand mehr bewältigen könnte.
intimacy-art: Otto Mühl hat mit Berufung auf Sigmund Freud versucht, die Scham als für eine kultiverte Gesellschaft unstattgemäß zu verneinen. Er ist aber an seinen Machtansprüchen gescheitert. Andererseits gibt es den Beweis, dass eine Zweierbeziehung länger hält, wenn beide in ihrem Maß an Scham übereinstimmen. D.h., Schamgefühl bindet auch, wäre daher objektiv gesehen konstruktiv. Braucht es Scham also für privaten und öffentlichen Halt?
KRYSTUFEK: Es braucht Scham sicher, damit Staatsysteme funktionieren. So wie ein Staat als politisches System funktioniert, ist es notwendig, bestimmte Formen von Hierarchien zu erzeugen. Das drückt sich auch stark über Kleidung aus. Nicht aus Zufall tragen fast alle Politiker Anzüge. Oder in gewissen Restaurants besteht immer noch Krawattenpflicht. Scham läuft also nicht nur über Nacktheit, sondern auch über Kleidung und das Demonstrieren von Wohlstand.
intimacy-art: Das Schamgefühl führt damit aber auch zum eigenen Bewußtsein von Identität. Sie haben wahrscheinlichh ein anderes Schamgefühl als ich es habe, sowie jeder von uns eine eigene Identität hat. Damit wären wir beim Künstler und seiner Identität. Es heißt: man muß Identität respektieren. Jetzt haben Sie sich in dieser Ausstellung dreier großer Themen bzw. Figuren angenommen: Bas Jan Aders, des Volkes Rapa Nui und Margarete Schütte-Lihotzkys. - Verletzen Sie durch Ihre Aneignung von ihnen deren Identität, und damit die Scham dieser Künstler?

In Farbe steht das Sujet einmal für sich allein: Farewell to I'm too sad to tell you, 2005 © Elke Krystufek, Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Als Zeichnung mit Titel The BLue Boy, 2006 bildet es andererseits den Hintergrund zum Detail der "Affengrimassen"-Sitzbank von Ferdinand Andri, 1902, aus der MAK-Sammlung (MAK-Ausstellungsansicht/Exhibition View Elke Krystufek. LIQUID LOGIC, MAK 2006, Foto: Christian Saupper/MAK, 2006)


Elke Krystufek verletzt die Scham Bas Jan Aders

KRYSTUFEK: Es stellt sich sicher die Frage, ob ich die Scham von Bas Jan Ader verletze, indem ich Arbeiten von ihm in Form von Malerei reproduziert habe und auf meine Weise wiederaufleben lasse. Andererseits kann das aber auch niemand beantworten.
intimacy-art: Ansonsten haben Sie die Kunst nicht angerührt, sondern rundum Ihre Kunst dazu assoziiert?
KRYSTUFEK: Um die Sammlungsobjekte des MAK, ja. Ich verletzte vielleicht nur die Ordnungsprinzipien der KustodInnen, bei Einzelnen möglicherweise sogar ein Schamgefühl. Andererseits wird in diesem Haus schon so lange Gegenwartskunst gezeigt, dass meine Kunst in diesem Zusammenhang jetzt auch nicht so ungewöhnlich ist.
intimacy-art: Außerdem haben Sie sich eingehend informiert, was für ernsthaften Umgang zeugt.
KRYSTUFEK: Ja. Denn mein Interesse war es, ein Feedback zu bekommen. Ich bat explizit drei KustodInnen um Texte, Ostasien-Islam-Kustode Johannes Wieninger um einen Text über das Swastika-Symbol, Metall-Wiener Werkstätte-Kustodin Elisabeth Schmuttermeier um einen Text über das Symbol des Eherings in der Sammlung und Möbel-Holzarbeiten-Kustode Sebastian Hackenschmidt um einen Text über die Wiener Küche im Verhältnis zur Frankfurter Küche. Am meisten interessierte mich aber, welche Art von Dialog möglich sein würde: zwischen bildender Kunst und Kustoden, bzw. ob es diesen Dialog überhaupt geben kann. Und ich glaube, in dem Moment, wo man einen Dialog in Gang setzt, ändert sich auch so etwas wie Scham. Scham war also nie das Hauptthema, sondern "Sammeln und Verschwinden".
intimacy-art: Und was bedeutet der Titel "Liquid Logic"?
KRYSTUFEK: Der Titel kommt aus der Architektur-Theorie und stammt aus einem Buch von Peter Weibel und Georg Flachbart, wo es darum geht, wieviele Prozesse von Computern, in meinem Fall auch vom menschlichen Gehirn, ohne bewußtes Nachdenken bewältigt werden können. Bzw.: wieviele Prozesse automatisiert werden, um entweder komplexere Architektur zu erzeugen oder auch komplexere Ausstellungen auf die Beine zu stellen.

Elke Krystufek mit Phallusnase: Vaginanose (Max Raphael revisited), 2006 © Elke Krystufek
Foto: MAK/Georg Mayer, 2006

Lesen Sie in Teil 3 demnächst auf dieser Site: Die echte Liebe der Elke Krystufek
(Interview-Auszug vom 5.12.2006, volle Länge in Print (Deutsch + Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)