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Tuesday, May 17, 2011

Jon Regen 2: "Oft hat jemand Fremder etwas sehr Tiefes mit dir gemeinsam"


Singersongwriter-Pianist Jon Regen und Schlagzeuger John Miller (photo © Elfi Oberhuber)

Warum reist der amerikanische Musiker JON REGEN so gerne nach Europa, um Live-Konzerte zu geben? Holen ihn seine europäisch-jüdischen Wurzeln ein? Oder ist das einfach nur Zufall, bei der Suche nach einem Markt, der noch außergewöhnlich gute Musik spielt und hören möchte? - Zweiter Teil des Gesprächs mit ELFI OBERHUBER. Für Einführung click Teil 1.


Vom amerikanischen zum europäischen Traum

intimacy-art: Sind die Bedingungen für einen Musiker in Europa und Amerika unterschiedlich?
REGEN: Ja, da gibt es einen sehr großen Unterschied. In Europa ist, glaube ich, die Musik die Show. Die Leute begeistern sich wegen der Musik. In Amerika tun sie das viel mehr wegen des Hypes, der aufgesetzten Geschichte, wegen des Happenings.
intimacy-art: So wie der Life Ball. (lacht)
REGEN: Der Life Ball ist etwas sehr Spezielles. - Genau aus diesem Grund arbeite ich ja die meiste Zeit in Europa. Die Leute mögen meine Musik und machen sich auf, um sie zu hören. In Amerika ist es viel härter, überhaupt bemerkt zu werden. Für die Werbung um die Leute mußt du sehr viel mehr Zeit investieren als du dann Zeit für die eigentliche Musikshow hast. Ich empfinde es als größere Anerkennung, für Musik-interessierte Menschen zu spielen. Und da das im Moment eher in Europa zutrifft, scheint das jetzt mein Markt zu sein.
intimacy-art: Ich halte das My-Space-Phänomen für einen Spiegel dessen, was Sie da sagen. Die Musiker müssen aktiv versuchen, mehr hörende Freunde zu bekommen und kommen aus der permanenten Akquisition gar nicht mehr heraus. Ein - amerikanischer wie europäischer - Musiker kann zwar froh sein, dass so etwas unter den gegebenen, massenmedial eindimensionalen Umständen existiert, andererseits ist es aber auch eine stressige Angelegenheit, nicht?
REGEN: My Space war sehr gut für mich, weil es einfach noch ein Platz war, um den Leuten meine Musik näher zu bringen. Es ist momentan für Musik-an-sich sehr hart, eine Vorführmöglichkeit zu bekommen, weil die unter vielen medialen Einflüssen stehenden Menschen kaum noch Zeit dafür haben. Wobei keiner mehr eine ganze CD anhört.
intimacy-art: Finden Sie? Ich höre mir im Internet gerade eine Minute etwas an, dann kaufe ich mir die CD und höre mir alles an.
REGEN: Da sind Sie bestimmt die Ausnahme. - Man muss also über jeden Platz froh sein, wo man seine Musik spielen kann, um Leute dafür gewinnen zu können. Wenn das aber die ganze Zeit beansprucht, wird es wahrscheinlich zum Problem. Andererseits haben Bands in der ganzen Musikgeschichte Posters aufgestellt. In diesem Sinne ist das einfach eine neue Technologie.
intimacy-art: Welchem Land fühlen Sie sich in Europa am nächsten?
REGEN: Ich habe kein Lieblingsland, verbringe aber viel Zeit in London, also England, Deutschland, Italien und Österreich. Die Leute sind hier sehr warmherzig und hören einfühlsam zu. Sie wollen in Deinen Kopf hinein und Deine Musik verstehen. Es ist ja schon gut für einen Künstler, wenn die Leute überhaupt reagieren und nur eine spontane Reaktion auf die Musikatmosphäre abgeben. Wenn dann noch etwas darüberhinaus zurück kommt, ist das großartig.


Jüdisch-europäische Wurzeln. Na und? Oder eben deshalb?


intimacy-art: Sind Sie jüdischer Herkunft?
REGEN: Ja, und zwar vaterseits österreichisch-ungarisch - aus der Zeit der Österreich-Ungarn-Monarchie - und mutterseits deutsch-russisch. Wo die Vorfahren genau lebten, weiß ich nicht genau, weil darüber niemand gesprochen zu haben scheint. Meine Großeltern waren bereits alle Amerikaner.
intimacy-art: Die Vorfahren gingen also um 1900 nach Amerika, nicht wegen des Zweiten Weltkriegs?
REGEN: Nein, obschon ich Verwandte hatte, die bedauerlicherweise zu dieser Zeit hier waren.
intimacy-art: Wissen Sie, zu welchem der zwölf israelitischen Stämme Sie gehören?
REGEN: Nein, das habe ich bisher nicht heraus gefunden. Entschuldigung.
intimacy-art: Demnach leben Sie nicht nach jüdischen Ritualen?
REGEN: Nein. Ich bin wohl stolz über meine familiäre Herkunft, fühle mich aber im Trennen von Menschen nicht sehr wohl, nach dem Muster, "du bist jüdisch, du bist katholisch, ..." Das ist etwas, das der Mensch macht und nicht der Geist.
intimacy-art: Gibt es in Amerika aber so etwas wie ein emotionales Band zwischen den Leuten, wenn sie von einander wissen, dass sie jüdischer Herkunft sind? Weil man ja sagt, dass sich die Juden gegenseitig helfen und deshalb in weltweiter Verbindung so stark sind - auch im intellektuellen Zusammenhang.
REGEN: Für mich sind wir alle dieselben, ob schwarz, chinesisch, jüdisch, buddhistisch, ... Ich bin stolz auf meine Eltern, weiß aber nicht, ob sie der Umstand, dass sie beide jüdisch sind, zusammen gebracht hat.
intimacy-art: Glauben Sie von sich selbst, dass Sie so etwas wie ein jüdisches Temperament haben? - Denn, wenn ich Sie spielen sehe, spüre ich, dass Sie so etwas haben: Sie spielen mit dem Inneren Ihres Körpers und nicht aus dem Kopf.
REGEN: Da, glaube ich, bin ich ein New Yorker. Das kommt nicht vom Judentum. Ich habe dem als Kind auch keine Achtung geschenkt, ob ich jüdisch bin. Obwohl ich mich anders fühlte im Gegensatz zu den Leuten rundum, die nicht jüdisch waren. Ich denke, Billy Joel ist jüdisch, und er ist ein Österreicher.
intimacy-art: Er schaut Ihnen ja auch optisch ähnlich.
REGEN: Ich denke aber echt, dass die New Yorker Energie mich so beeinflußt hat. Außerdem ist mein Vater ein Schreiber (Anm. Red.: er war ein erfolgreicher Werbetexter), meine Mutter eine Fotografin ...
intimacy-art: Aber Sie sind in New Jersey aufgewachsen, und da strömt eine andere Energie.
REGEN: Nun, abgesehen davon, dass ich mich gerade frage, ob das zu sehr in die 2. Weltkrieg-Debatte fällt, wenn wir darüber reden, wie intellektuell Juden sind. - Vielleicht hat es ja wirklich einen Einfluß, ich habe es nicht ausgeforscht. Ich bin jedenfalls ein Produkt meiner Umgebung und meiner Geschichte. Das könnte also sein.
intimacy-art: Ich möchte darüber sprechen, weil der amerikanische Nobelpreisträger und Hirnforscher Erich Kandel, gebürtig als Jude in Wien und im 2. Weltkrieg mit seinen Eltern emigriert, sehr wohl (demnächst auf intimacy: art) über die Eigenheit des Judentums spricht.
REGEN: Das ist schon interessant: denn wenn du als Jude in Amerika aufwächst, wurde Leuten meiner Generation immer gesagt, "du solltest nicht nach Deutschland, nicht nach Österreich gehen, denn da ... ba ba ba ...". Und dann finde ich hier eine Region vor, die mehr als andere Orte der Welt, wo man schreckliche Dinge verbrochen hat, nicht vom eigenen Schrecken davonrennt, sondern mehr Integration von anderen Kulturen, Rassen und Juden ... als jene anderen Orte betreibt, sich dem stellend, was vor vielen Jahren hier geschah. Das ist ein echter Versuch zu sagen, "wir können davor nicht davonrennen". Und es eröffnet auch bemerkenswerte Diskussionen in der Kunst, so etwas wie den Life Ball ... Es macht mir echt Freude, hierher zu kommen.


Wenn Europäer ihr Glück in den USA versuchen


intimacy-art: Kennen Sie umgekehrt österreichische Musiker in den Staaten?
REGEN: Joe Zawinul. Wen sollte ich noch kennen?
intimacy-art: Thomas Lang ist ein Schlagzeuger (siehe Interview mit Musiker Peter Paul Skrepek auf intimacy: art); er macht eher Rock.
REGEN: Den Namen kenne ich, ja.
intimacy-art: Er spielte mit Falco.
REGEN: Falco, ah gut.
intimacy-art: Dann war Wolfgang Muthspiel lange in Amerika.
REGEN: Oh, natürlich, ja.
intimacy-art: Nun eine ironische Frage: Mußten Sie die Europäische Gewerkschaft um Erlaubnis fragen, damit Sie hier in Österreich spielen dürfen?
REGEN: Welche Gewerkschaft, die hier?
intimacy-art: Die Frage kommt eigentlich von einem Wiener Musiker, der bei der amerikanischen Gewerkschaft um Erlaubnis fragen mußte, ob er in den Staaten spielen darf. - In Amerika muss man angeblich ja überhaupt Mitglied sein, um auftreten zu können und als Musiker anerkannt zu sein.
REGEN: Du mußt nicht, nein, höchstens, wenn du an bestimmten Orten spielen willst.
intimacy-art: Eben.
REGEN: Ich war ein Mitglied der Gewerkschaft, momentan bin ich es nicht, weil ich nicht mehr zahle. Ich habe über Jahre hinweg gezahlt, hatte aber nicht das Gefühl, dass man dort irgendetwas für mich tut.
intimacy-art: Und meine letzte Frage zum kontinentalen Gegenverhältnis: Mußten Sie Ihren Fingerabdruck am Zoll hinterlassen, um nach Europa reisen zu können?
REGEN: Wenn du nach Amerika einreist, mußt du das.
intimacy-art: Eben ...
REGEN: ... und momentan hab ich nicht mal einen Paß.
intimacy-art: Ja, weil man ihn Ihnen ja mitsamt der Geldtasche gestohlen hat (siehe Gespräch Teil 1)...


Von der genetischen zur musikalischen Heimat


intimacy-art: Was definieren Sie in Ihrem tiefsten Herzen als Heimat, sowohl in lokaler als auch musikalischer Hinsicht?
REGEN: Meine Heimat ist da, wo meine Familie und diejenigen, die mir nahe sind, leben: in der New Yorker Gegend. Und auf tieferer Ebene würde ich auch sagen, dass ich mich meiner amerikanischen Wurzeln besinne, selbst wenn ich ganz gern herausfinden würde, wo ich von der Gene her abstamme, um möglicherweise ein paar interessante Fragen beantwortet zu bekommen.
intimacy-art: Ich denke mir auch mit der Öffnung der EU in den Osten, wo immer mehr fremde Leute ins Land kommen, dass umso mehr Leute wie ich nach eigener Identität suchen. Und da muss man wirklich sehr genau suchen, um jemand zu finden, der dir sehr ähnlich ist. Sind Sie mehr angezogen von Menschen, die Ihnen ähnlich oder fremd sind?
REGEN: Oft hat ein sehr fremder Mensch etwas sehr Tiefes mit Dir gemeinsam. Ich mag Musiker und Leute, die mit einer gewissen Intensivität leben und in der Lage sind, darüber zu reden, wie sie fühlen. Ich kann nicht nicht über meine Gefühle reden. Das suche ich in Menschen. Aufrichtigkeit in einer ernsten Kommunikation.
intimacy-art: Und in musikalischer Hinsicht? - Könnte Ihre musikalische Sehnsuchtsheimat bei einer CD in Richtung Singer-Jazzsong-Writer gehen, so wie Sie es in Ihren Live-Konzerten sind?
REGEN: Darüber denken wir tatsächlich im nächsten Album nach.
intimacy-art: Echt? Ich merke nämlich jetzt wirklich, nachdem ich das dritte Konzert mit Ihnen erlebt habe und die Lieder von den CDs schon so verinnerlicht habe, dass Ihr Live-Auftritt mit der Jazz-Vermengung ein echtes Abenteuer für mich ist.
REGEN: Ich habe ja jetzt auch eine Band, mit der ich wirklich gerne arbeite. Ich muß dafür nur noch neue Lieder schreiben.
intimacy-art: Das Lustige ist, dass Ihr vom Text her oberflächlichster Song - wenn man das überhaupt sagen kann, denn Sie sind nie oberflächlich - "Only My Credit Card Remembers", im Konzert in musikalischer Hinsicht das höchste Niveau erreicht, wodurch er zu einer meiner Live-Lieblingsnummern wurde.
REGEN: Ja, der Spagat von "oberflächlich und nicht-oberflächlich" ist lustig.
intimacy-art: Sie spielen da wie ein Gott.
REGEN: Danke. Es ist tatsächlich so: dass ich eine musikalische Heimat mit den Leuten, Bassist P.J.Phillips und Schlagzeuger John Miller, erlebe, mit denen ich hier in Europa toure: in der Musik mit Ihnen mache ich Pop, Funk, Jazz, also nicht nur ein Genre.
intimacy-art: Sind sie dann auch auf dem neuen Album?
REGEN: Sie leben in London, das ist also nicht so einfach, aber definitiv ein Versuch wert.
intimacy-art: Bringen Sie Ihre exzellente The-Police-Interpretation von "How fragile we are" auch auf die neue CD?
REGEN: Nein, denn ich will keine Cover-Versionen auf eine Platte bringen. Meine Lieblingskünstler sind jene, die ihre eigene Musik schreiben, wie Billy Joel, Elton John. Selbst wenn ich live manchmal ganz gerne interpretiere. Weil das ein echt schönes Lied ist.
intimacy-art: Sie wollen Ihr eigenes Ding machen.
REGEN: Schon weil ich mir denke: wie kannst du eines Künstlers Song besser machen als er es tut - ganz besonders auf einem Album. Ich muß als Songschreiber noch einen langen Weg gehen, daran arbeite ich.
intimacy-art: Jazzer Kyle Eastwood, mit dem Sie ja spielten, hat ebenfalls einen The-Police-Song auf seinem Album. Wer von Ihnen beiden hatte zuerst dieses Faible für die Gruppe?
REGEN: Auf meinem Album spielt nur Andy Summers von The Police Gitarre. Ich habe auch nie mit Kyle über The Police gesprochen. Ich war nur mein ganzes Leben lang The-Police-Fan.
intimacy-art: Ich fand diese Parallele bei Ihnen beiden auffällig, aber auch Sting selbst hat ja eine Jazz-Ambition.
REGEN: Ja. Und das ist die Musik unserer Generation.
intimacy-art: Ich höre also heraus, dass Sie im Moment in der Musik zuhause sind, die sie gerade spielen. Haben Sie dennoch ein musikalisches Ziel?
REGEN: Ich bin noch nicht da, wo ich sein will, ich komme dem aber immer näher.

Singer-Songwriter-Pianist Jon Regen und Bassist P.J. Phillips, live im damals noch existierenden Wiener Birdland (photo © Elfi Oberhuber)

(Interview-Auszug vom 18.05.2008, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Tuesday, May 10, 2011

Jon Regen 1: "Ich schreibe besser, wenn ich traurig bin"



Ein Amerikaner spielt bevorzugt in Europa: Jazz-n´-Blues-Singersongwriter JON REGEN. Weshalb scheinen ihn die Europäer tiefer zu verstehen, ihn, der besser schreibt, wenn er traurig ist? Warum schenkt das österreichische Life-Ball-ORF-Fernsehen diesem Verständnis keine Achtung? Und machen sich Bescheidenheit und Dankbarkeit für einen Ausnahmemusiker jemals bezahlt?
- ELFI OBERHUBER sprach mit dem Musiker nach seinen letzten Wien-Konzerten im Wiener Birdland und am Life Ball im Rathaus im Mai 2008, und bevor er am 18.5. 2011; 20h30, nach drei Jahren erstmals wieder in Wien (REIGEN) spielen wird. In diesem Gespräch gibt er den Arbeitsprozeß auf seine kommende CD Revolution preis, deren Lieder er neben seinen Hits mit seiner dreiköpfigen Tour-Band (mit Schlagzeuger John Miller, Bassist PJ Phillips aus London) präsentieren wird.

Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)

Kurzprofil JON REGEN
- (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) ist für die Region Österreich so etwas wie eine intimacy: art-Entdeckung. Der New Yorker Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären J
azzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen jeden, ob Mann, Frau, jung, alt. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. Er behandelt hier im Stil einer Fortsetzungsgeschichte das Thema "Verlust einer Liebe", sodass die CD sprichwörtlich ein musikalisch-literarisches Gesamtkunstwerk wird. (Siehe intimacy: art-Kritik MUSIK: MELANCHOLIE DES LOSLASSENS) Ende April 2011 steckt seine jüngste CD Revolution kurz vor den Vertriebsstartlöchern. Sie wirkt atmosphärisch fröhlicher, blues-rockiger und lockerer, ohne jedoch die für Regen typisch bittere inhaltliche Note zu verlieren. Die Co-Musiker sind hier: Andy Summers, Benmont Tench, David McAlmont und andere Stargäste, und Michael Brauer und John Porter mischen die Musik mit. Sie erscheint in Selbstproduktion mit dem Keyboarder-Produzenten Matt Rollings, gemastered von Greg Calbi bei Sterling Sound in New York. Für die intimacy: art-CD-Kritik siehe MUSIK: JON REGEN KOMMT MIT "REVOLUTION" WIEDER NACH WIEN, Hörbeispiele siehe http://jonregen.com/

JON-REGEN-BAND-LIVE-KONZERT IN WIEN: 18.5.2011 im REIGEN (U-Bahn-Station Hietzing), 1140 WIEN, HADIKGASSE, 20h30; sowie am 8.5.2012 ebenfalls im REIGEN WIEN


Karriere-Chance und Dank beim Life Ball

intimacy-art: Ich habe mir gestern im Fernsehen nur aus einem Grund den Life-Ball angesehen: um Sie zu sehen ...
JON REGEN
: ... und wir waren gar nicht im Fernsehen.
intimacy-art
: Genau. So denke ich mir: wenn man als Künstler für die Arbeit dort als Gäste-Unterhalter keine Gage bekommt, so sollte man doch zumindest im Fernsehen gezeigt werden. Ein Musiker wie Sie sollte dafür die Chance haben, im Nachhinein ein größeres Publikum für seine CDs gewinnen zu können. Das fände ich anständig.
REGEN
: Ich finde es in Ordnung, dass das dort verdiente Geld einem wichtigen Charity-Projekt zugute kommt. Es kostet uns zumindest nichts, hier zu sein. Und wir können aus wichtigem Grund mitfeiern, es mit Kunst anreichern.
intimacy-art: Wider solch großer Selbstlosigkeit könnte manch einer auf die Idee kommen, sich seinen Lohn anderweitig zu holen.
REGEN
(kryptisch): Sagen wir so, deine offene Brieftasche auf dem Klavier soll sich mit der Güte des Menschen auch in so einem Rahmen nicht messen ...
intimacy-art
: Warum ich so hoffnungsfroh war, Sie im Fernsehen zu sehen, lag aber eigentlich an etwas anderem: ich dachte mir, oh, nun treten da doch Künstler auf. Es wäre die Möglichkeit gewesen, den Life-Ball ästhetisch anzuheben.
REGEN
: Die Aufmerksamkeit der Fernsehregie liegt nun mal auf dem theatralisch dramatischen Teil. Vielleicht kommen wir aber nächstes Jahr dran, denn auch wir absolvierten eine Hoch-Energie-Show, die die Leute einschließlich unserer Musik sehr mochten.
intimacy-art
: Und wie entwickelt sich Ihre Karriere ohne Life Ball?
REGEN
: Bei unserem ersten Gespräch vor zwei Jahren standen wir noch am Anfang, spielten erst in ein paar Häusern. Heute arbeite ich viel mehr und investiere ich sehr viel Zeit, um Städte zu besuchen und einen entsprechenden Eindruck zu hinterlassen. Und mit dem international wachsenden Publikum an der eigenen Musik noch zu wachsen, ist das eigentliche Ziel.
intimacy-art: Ihre CD Let It Go gibt es ja schon auf dem asiatischen Markt, nicht?
REGEN
: Ja, die Asiaten mögen meine Musik. Der Vertrieb in Japan, wo ich mit Jimmy Scott auch live einmal gespielt habe, läuft seit Jänner.


Vom endlosen Loslassen in Let It Go

rechts: 2 Bilder mit Textausschnittes von Jon Regens Song
The Last Song
(letztes Lied auf der CD:
Let It Go, 2007)

intimacy-art: Die "Let It Go"-Musiktexte aller Lieder zusammen scheinen eine Fortsetzungsgeschichte zu ergeben, worin Sie noch nicht wirklich bereit waren, sich von einer Frau zu trennen ...
REGEN
: Ja, nur dass es nicht nur eine Frau war, sondern eine Reihe von ...
intimacy-art
: ... Frauen.
REGEN (stutzt)
: Hinter dieser scheinbar oberflächlichen Eitelkeit steckt eine Reihe an über lange Zeit zerbrochenen Beziehungen, deren jeweilige situative Stimmung in mir ich in den Liedern beschreibe. Sie schienen sich irgendwie alle zur letztlich vollständigen Geschichte zu ergänzen, während sich ihre Verläufe zwischen Liebe, Verlust und Verlorenheitsgefühlen ähnlich abspielten. Das alles war eine Periode in meinem Leben, die inzwischen einige Jahre her ist. Wenn die Platte rauskommt, entspricht der darin beschriebene Text ja nicht mehr deinem aktuellen Leben.
intimacy-art: Ich halte diese CD für so gelungen, weil man sie über Jahre ständig anhören kann. Sie ist in der Abfolge der Lieder und im Atem der Arrangements so stimmig, dass sie die Nerven des Zuhörers nie strapaziert.
REGEN
: An den Arrangements arbeite ich auch sehr hart. Am Sequenzieren, vom Anfang bis zum Ende. In Wahrheit hat mich diese CD ja fast umgebracht. Während eines ganzes Jahres Arbeit, war sie einfach nie ganz richtig. Alle Lieder noch mal zu remixen, das kostete sehr viel Zeit. Und ich höre noch immer, was alles zu verbessern wäre. Sie war für mich auch so wichtig, weil sie ein Neustart, eine Chance war, als Solokünstler am Piano oder im Trio zu singen und dabei verschiedene Farben zu verwenden, in einer bestimmten, ein bißchen angehobenen Balance zwischen Piano, Schlagzeug und Bass. Letztendlich bin ich aber doch sehr stolz auf die CD Let It Go, weil sie mich Geld, Entscheidungen und Zeit gekostet hat. Auf jene entfernte Zeit, wenn ich einmal leicht und freudig darauf blicken kann, bleibt noch zu hoffen.
intimacy-art: Schön ist ja: In den ersten Texten haben Sie eine Kraft, etwas Neues anzufangen, doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein und wirft sie als Schwachen zurück. Und am Ende ist "The Last Song" gar kein letzter Song, sondern das Gegenteil davon. Das hat viel schwarzen Humor und schildert von der Abhängigkeit des Menschen von seinen Erfahrungen, wobei die Flexibilität mit der Reife nachläßt.
REGEN
: Es gibt ja Leute, die eine Idee für ein Thema haben und darüber ein Lied schreiben können. Das kann ich nicht. In meine Musik fließt ein Teil meines Lebens hinein, sie ist absolut persönlich. Und so schreibe ich prinzipiell besser, wenn ich traurig bin. Einige Lieder dieser CD beziehen sich auf eine bestimmte Person, einige auf verschiedene Personen. Ich war auch mal verheiratet ...
intimacy-art
: War sie diejenige, die Sie mit "The Last Song" meinten?
REGEN
: Nicht absichtlich. Ich habe diesen Verlust aber einige Zeit in mir verhandelt. Bis ich jemand Neuen traf, und diese Trauer von mir abfiel. Und in I Come Undone schreibe ich über eine Freundin, die sich das Leben genommen hat.
intimacy-art
: Ja, ich weiß.
REGEN
: Ich habe gelesen, dass Sie das erwähnt haben. Obwohl ich es nicht gesagt hatte. Denn normalerweise spreche ich nicht darüber.
intimacy-art: Ja, es ist versteckt. Von Ihrer CD-Widmung aus ist es aber nachzurecherchieren. Wie ist das mit ihr gekommen?
REGEN
: Sie war eine Freundin aus meinen Zwanzigern. Wir verloren uns aus den Augen, sie heiratete, ich heiratete. Später kontaktierten wir uns wieder und wurden Freunde. Was dann passierte, konnte ich nicht absehen, niemand konnte das. Sie hatte so viele Interessen und so eine große Energie, die sie in Vielarbeit von Fotografieren, über das Betreiben einer Internetfirma bis zu Grafik fruchten ließ. - Ich liebe es ja, mit jemandem durchs Leben zu reisen; sprich, indem ich ihn, als ich jung war, eigentlich nicht so gut kannte, ihn aber nach zwölf Jahren wiedersehe, und nach Rückschlägen und Wiederaufstehen neu entdecke. Es war wirklich berührend, einander mit etwas mehr Falten im Gesicht wieder zu sehen. Und mit diesem Lied möchte ich von tiefem Herzen aus ihrem Geist erinnern. Ich wollte beschreiben, wie jemand plötzlich nicht mehr da ist, der in Deinem Inneren einen so großen Platz eingenommen hatte, sodass Du Dich dann selbst total verloren fühlst.
intimacy-art
: Im Live-Konzert haben sie das Lied kurzfristig dem verstorbenen Joe Zawinul umgewidmet.
REGEN
: Ja. Weil es auch ein universelles Gefühl beschreibt, das jeder teilt, wenn er jemanden verliert. Für mich war es aber doch eine einmalige Erfahrung, so etwas erleben zu müssen. Es hat mich sehr bewegt. Darüber zu schreiben hat mir am Ende geholfen und brachte mir die Erkenntnis, dass man sich nach dem Tod des Guten im Menschen erinnert. Nach langer Zeit denkt man an die lustigen und glücklichen gemeinsamen Momente. Die Lieder, die ich schreibe, sind im Affekt der erlebten Zeit zwar traurig, nach einiger Zeit wundere ich mich aber, ob das, was ich da singe, wirklich noch stimmt, weil es mittlerweile nicht mehr danach aussieht.
intimacy-art: Sind Sie also jetzt glücklicher?
REGEN
: Ja. Obwohl ich einen Freund zitieren muss, der sagt, "Fröhlichkeit ist eines Songwriters Albtraum". In Konfliktsituationen wie verrückten Beziehungen ringt man zwar sehr mit sich, schreibt aber gut. Meine jetzige Lebensgefährtin ist sehr umgänglich, und sehr stolz auf das, was ich mache. Und wenn ich auf Reisen bin, sehne ich mich sehr nach ihr.


Außerdem demnächst zu lesen in Teil 2: Vom amerikanischen zum europäischen Traum, jüdischen Wurzeln und dem Bewußtsein von einer musikalischen Heimat des Jon Regen mit Ausblick auf die Arbeit an der CD Revolution

(Interview-Auszug vom 18.05.2008, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at

Friday, November 23, 2007

Fabrizio Cassol zu Susanne Linke & Alain Platel3: "Hoffnung liegt im Mysterium, warum wir leben"


Fabrizio Cassol (photo © Elfi Oberhuber)


Wie aus Häßlichkeit Schönheit wird, und wie Spiritualität als Religionsersatz das Leben verbessert, wo natürlicher Sex nicht fehlen darf - darum geht es im dritten Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit den Tanz- und Musikkünstlern ALAIN PLATEL, FABRIZIO CASSOL und SUSANNE LINKE. Für Einführung und Teile 1, 2 scroll down!

Kurzprofil FABRIZIO CASSOL ist am 8.6.1964 in Ougrée/Belgien geboren (Sternbild Zwillinge). Schon während des kammermusikalischen Studiums mit Improvisation und Komposition am Konservatorium in Liège, wandte sich der frühausgezeichnete Saxophonist dem Jazz zu, was er bei Steve Coleman, Evan Parker und Joe Lovano intensivierte. Nach einer Reise in den afrikanischen Busch zum Stamm Aka pygmies gründete er 1992 mit Bassist Stéphane Galland und Schlagzeuger Michel Hatzigeorgiou Aka Moon, bis heute Cassols Hauptband im Bereich Jazz, Rock, Weltmusik und Avantgarde (einschließlich Elektronik). Daneben werkt(e) Cassol in acht Bands, darunter seit 2004 auch bei DJ Grazzhoppa's DJ Big Band (Hörprobe), wo er als Solo-Saxofonist zu 12 Computer-DJ´s live spielt. Doch auch mit Aka Moon (www.akamoon.com) erkundet Cassol neue Wege: die afrikanische Inspiration erweiterte sich zur Indischen, Kubanischen, zum Tanz (etwa für Rosas als Residence-Musiker an der Brüsseler La Monnaie/De Munt), zum Theater (KVS: Royal Flemish Theatre) und zur Oper (Luc Bondys und Philippe Boesmans Oper Wintermärchen - Hörprobe). Für V.S.P.R.S. von Alain Platels Les Ballets C. de la B., bearbeitete Cassol Monteverdis Barockoper Vespers (Hörproben), live gespielt mit dem barocken Oltremontano & Aka Moon sowie Jazz-SolistInnen (u.a. Tcha Limberger - Flöte/Geige). Die CD ist für den Belgischen Klara Musikpreis 2007 als beste CD des Jahres nominiert, der Sieger wird am 1. Dezember 2007 verkündet. Zuletzt erschien von Aka Moon die 19. CD Amazir (Hörprobe). Cassol unterrichtet an Musikuniversitäten (Etterbeek Musikakademie), erfand 2001 mit dem Instrumentenbauer François Louis das zweistimmige Sopransaxofon Aluchrome, nachdem er 1998 mit dem Belgischen Goldenen Django zum besten französischsprachigen Künstler gekürt worden ist.


Von der häßlichen Deformierung zu filigraner Schönheit

intimacy-art: Wie läßt sich etwas Häßliches wie "Deformierung" - was vom Leben als "angekränkelt" weg und hin zum Tod zu führen scheint - in etwas Schönes verwandeln?
SUSANNE LINKE: Die Kunst des Tanzes liegt an sich in der Klarheit, nicht im Tanz selbst. Die Idee dahinter muß klar sein. Dadurch tritt erst die Schönheit zutage. Sie passiert als fragiler Moment, wenn es auf der Bühne zu transzendentaler Spiritualität kommt. Spiritualität und Klarheit des Gedankens hängen zusammen. Häßliche Stellungen und Haltungen sucht man dabei nicht bewußt. Sie entstehen durch das innere Gefühl für ein Thema. Sollte sie ein Außenstehender, abgeleitet von "der üblichen Pose", nicht als "schön" bezeichnen, so kann dieser sie doch als schön empfinden, wenn sie technisch perfekt ausgeführt wird.
intimacy-art: Sie gelten diesbezüglich als Phrasierungskünstlerin, die jede Geste zur Gänze ausführt. Das soll Ihre auratische Schönheit ausmachen.
LINKE: Wahrscheinlich, ja. Es ist eine Technik des Körpers. Und ich praktiziere sie mehr denn je.
ALAIN PLATEL: Vielleicht stimmt das mit der Purifikation, der Reduktion auf Klarheit, ja, ... (überlegt) ... eigentlich weiß ich es aber nicht.
FABRIZIO CASSOL: Ich denke, Alain schafft den Akt der Purifikation, indem er mit größerer Aufmerksamkeit gegenüber den Leuten arbeitet als sonst jemand, gegenüber dessen, "wer sie sind, was sie fühlen".
intimacy-art: In der Aka-Moon-V.S.P.R.S.-CD habe ich aber auch bei Ihnen wunderschöne, pure Musik-Momente gefunden.
CASSOL: Hmm ...
PLATEL: Glücklicherweise ist sich Fabrizio dessen nicht bewußt. - Sagen Sie es ihm nicht!
CASSOL: Eines weiß ich aber: in Musik und Tanz verläuft das mit der Schönheit unterschiedlich. Geht man davon aus, dass die Schönheit an Harmonie gebunden ist, dann entspricht die Harmonie der Balance von Spannungen. Fordert Alain eine Tänzerin auf, mit ihrem Körper etwas zu repräsentieren, das in ihr arbeitet, ist das aber ein völlig anderer Prozeß als in der Musik. Das zeigt sich am Ende, indem wir innerhalb des eingespielten Teams nicht einfach einen Musiker austauschen können. Bei Alain drücken sich die Tänzer stets durch sich selbst aus, oder er bringt sie dazu, alles von gegensätzlicher Seite aus zu betrachten - das finde ich wiederum spirituell.
PLATEL: Meine größte Schwierigkeit bei dieser Frage ist, dass ich eigentlich nur sehr wenige Dinge häßlich finde. Also so, dass ich "wäääähhhh" schreie. Mir graust, wenn jemand während einer Operation einen Körper aufschneidet. Andererseits ist es fesselnd zu abstrahieren, wie wohl das Material unter der Körperöffnung ausschauen mag. Wenn Leute von häßlichen und schönen Bewegungen sprechen, frage ich mich stets, was sie damit meinen. Trotz Wissens, dass manche Bewegungen als häßlich angenommen werden, weil sie das Gegenteil eines gefällten Klassifizierungsurteils von "schön" sind. Um jene fürs Publikum akzeptabler zu machen, mußt du es dazu bringen, anders darauf zu schauen. Wahrscheinlich durch Beifügung anderer Spannungen. Musik kann sehr zur Akzeptanz beitragen, besonders Fabrizios "Barockmusik". Einige Bewegungen der Tänzer würden mit anderer Musik vielleicht als häßlich empfunden werden. Selbst wenn es mancher sicher auch so noch für "extrem" hält.
intimacy-art: Sie haben auch den Ruf, geschmackvoll zu arrangieren, selbst wenn die Leute auf der Bühne emotionale Grenzen überschreiten.
PLATEL: Ich würde sie nie darum bitten, etwas sehr Irres oder Extremes zu machen. Meist werde ich davon inspiriert, was sie mir vorschlagen. Das akzentuiere ich dann mit Vorschlägen. Ich weiß aber, dass bisher in jeder Produktion in jedem von uns etwas geschehen ist, wo wir unsere Grenzen jeweils ein wenig mehr überschritten haben. Doch selbst wenn manches momentan schmerzvoll oder schwierig war, war es in Summe letzenendes nicht schlecht, weder psychisch noch physisch. Das erfahren wir bei jedem Auftritt als wachsender Prozeß...
CASSOL: Ich mag an Alain, dass er im Bereich der Harmonie, der Balance an Spannungen, am weitesten geht.
PLATEL: ... Ich achte aber sehr darauf, dass sich die Akteure nicht aus reinem Selbstzweck oder bis zur Selbstverletzung verausgaben. Das möchte ich keinesfalls, weder auf der Bühne sehen, noch Teil davon sein. Dass Leute ihre Grenzen überschreiten, macht mir dagegen keine Probleme. Musiker tun das auch, indem sie Dinge auf der Bühne machen, die sie zuvor nie machten. Und auch sie sind dabei nicht unglücklich.
CASSOL: Wenn normalerweise Tänzer springen, kommen sie danach wieder zurück auf die Erde. - Wenn Musiker springen, kommen sie danach nicht zurück. Du kannst als Musiker springen, springen, springen, immer weiter... Du stehst zwar mit deinem Körper da, innen drin kannst du aber immer weiter abtriften. Sehr weit. Wenn Musik auf Tanz trifft, ist das das erste große Problem. Nur bei Alain ist es anders: Seine Tänzer kommen nicht auf die Erde zurück. Er hat die Fähigkeit, alles in ständiger Spannung zu halten. Und das ist dann echt inspirierend für die Musiker, selbst wenn es ein nie fertiger, täglich neuer Knochenjob ist. Auch, weil er in der langsamen Bewegung arbeitet, in Details. Das erhöht die Spannung noch. Andere - wie oft im Ballett - springen, springen, wie verrückt, zum oberflächlichen Staunen der Zuschauer. Echtes Staunen wie bei Alain ist dagegen rar.

Susanne Linke (photo © Elfi Oberhuber)


Neues Wort für eine undogmatische Völkerreligion

intimacy-art: Sie bezeichnen Monteverdis Musik als dogmatisch besetzt: Indem die Religion am Ende der Sinn des Stücks ist. Sie dagegen bringen Spiritualität in den Weg und die Art des Erzählens...
PLATEL: Ich mag sehr, wie Sie das erklären: nicht als Ziel die Religion zu haben, sondern auf dem Weg...
CASSOL: Ich bevorzuge die Spiritualität der Menschheit gegenüber der Religion. Zu Monteverdis Zeiten wurden Menschen ohne Wahl ihres ureigenen Glaubens geboren, sie waren automatisch katholisch, selbst wenn sich schon in dieser Periode ein komplexerer Christenkult abzeichnete, angefangen vom Protestantismus. Das steckt auch schon im originalen Vespers. Ob Monteverdi selbst eine Wahl bezüglich seines Glaubens hatte, weiß ich nicht, doch war Mozart zumindest schon freier als Bach. Und sobald Menschen freie Wahl im Glauben haben, öffnen sich für sie weitere Türen. Umgekehrt wird ein Dogma heute als viel härter empfunden als in Monteverdis Zeiten. Selbst wenn man früher praktisch tot war, wenn man anders als die Gemeinschaft glaubte.
intimacy-art: Wie brachten Sie die erdige Spiritualität konkret in die Musik? Ist es der Jazz, die ethnische Art, wie Sie damit umgehen?
CASSOL: Das Ethnische bezog sich zunächst auf die Lebensrealität der Tänzer, wo einer aus Brasilien kommt, der andere aus Argentinien, einer von Neuseeland, von Korea, von Vietnam, aus Frankreich, usw.. Anfangs arbeiteten sie zur originalen Monteverdi-Version, sodass ich nach einer Weile wußte: es muß ein anderer Sound her, der wirklich zu den Tänzern paßt. Sonst wäre es für mich wie eine koloniale Konvertierung gewesen, diese Leute aus aller Welt in einen gleichen, westlichen Sound zu stecken. Daher die Notwendigkeit, diese Musik ethnisch zu transformieren, wobei ich auch jede einzelne Textphrase entdogmatisierend umschrieb.
intimacy-art: Können wir also sagen, dass diese Musik für eine übergreifende Religion steht, wo alle Religionen in Frieden zusammen finden?
CASSOL: Nein, ich hoffe, es kommt nicht als eine Religion daher. Wobei sich das Paradoxon ergab: Je mehr ich Musik und Text entdogmatisierte, desto mehr wollte ich von den Sängern verstehen können, worüber sie sprachen, selbst wenn es Latein ist. Dabei sollten sie zur anfänglichen Idee des Textes zurück finden...
intimacy-art: Gibt es also noch eine Religion in der Neufassung V.S.P.R.S., oder nicht?
CASSOL: Es ist wie in der Malerei. Wir hatten die erste, die zweite, die dritte Periode, und jetzt sind wir auf dem Weg zur vierten Periode. Die Musik Monteverdis wurde zu religiösen Diensten geschrieben, was ich in der ersten Periode ablehnte. Nun, in der vierten Periode, kommen wir mit jedem kleinen Detail von Alains Tanzqualität zurück zu den religiösen Diensten, nur nicht im katholischen, muslimischen oder hinduistischen Sinn: sondern auf eine neue Art. Und ich denke: In diesem Stadium sollten wir ein neues Wort für den "religiösen Dienst" erfinden, um all den negativen Konnotationen zu entgehen ...


Ekstase im Leben, Nichts nach dem Tod - oder doch noch was ...

intimacy-art: Spielen in dieser neuen "Spiritualreligion" Ekstase und Sexualität eine Rolle?
PLATEL: Wir haben bald entdeckt, dass das in diesem Kontext mitspielen muss, und zwar auf natürliche Weise. Viele Leute interpretieren manche Zeichen der Performance als sehr sexuell, sodass wir im Zusammenhang mit Gebet und Religion einen Clash erhalten. So empfinden es manche - allerdings eher von außen als von innen. Eine Szene wird von der Presse mit "kollektiver Masturbation" benannt, die wir "gemeinsames Zittern" nannten. Selbst wenn jeder wußte, dass die Haltung dabei der Selbstbefriedung entlehnt ist. Es steht aber für mehr als das.
intimacy-art: Für einen höheren, verbindenden Geist der Gemeinschaft?
PLATEL: Ja. Ansonsten gibt es Momente, die ausdrücklich sexuell sind. Doch würde man sie stoppen, wären sie schwindend kurz. Nur in den Augen des Betrachters werden sie riesengroß.
intimacy-art: Liegt in diesen Momenten aus genau diesem Grund der Sinn des Lebens? In den herausfordernden Erregungskicks und der gemeinsamen Entspannung danach?
PLATEL (nickt): Prinzipiell glaube ich, jeder Mensch sucht in seinem Leben Beweise für die Tatsache, dass er lebt. Die kannst du dir schaffen, indem du etwas kreierst, Frauen können als glücklich Bevorzugte Kinder gebären. Jeder sucht etwas, womit er seine Unterschrift hinterlassen kann, um zu sagen: Ich war da.
intimacy-art: Den Berg aus Unterwäsche von Bühnenbildner Peter De Blieck interpretiere ich als Berg dieser "Unterschriften", auf dem die letzten Tänzer im Stück die Leichen der anderen zusammentragen. Und alles endet hoffnungslos.
PLATEL: Ja, mit dem Massensterben entkräfteter Menschen. Doch in der Musik bleibt die Hoffnung. Daran glaube ich auch sehr. Selbst wenn auf der Bühne (lacht) nicht mehr viel übrig ist.
CASSOL: Für mich lebt der Berg sehr wohl. Schon weil auf der Bühne naturgemäß alles lebt. Alles lebt: als Symbol.
PLATEL: Nein, ich denke, der Berg ist das Ende und damit der Tod. Nichts gibt´s dahinter. Deshalb soll man ja bestenfalls im Leben spi/rituell leben.
CASSOL: Oh nein, auch dahinter lebt etwas, etwas sehr Geheimnisvolles. Dafür steht auch die Musik: für das Mysterium, warum wir überhaupt auf der Welt sind ...

...und darüber wird noch bis in alle Ewigkeit gestritten werden... Emen.


l: Alain Platel, r: Fabrizio Cassol, (photos © Elfi Oberhuber)

(Interview-Auszug vom 4.+6.6.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Deutsch+Englisch gemischt) über intimacy-art@gmx.at)