Tuesday, March 13, 2007

Jon Regen 1: "Ich will alles frei entscheiden können und immer besser werden"


Jon Regen (photos © Elfi Oberhuber)


Was ist künstlerische Freiheit für einen Jazzer wie JON REGEN? Schließt sie das Bedürfnis nach privater Freiheit mit ein? - Oder läßt sich beides gar mit "Popularität" vereinen? - Eine Diskussion mit ELFI OBERHUBER, die unter gegenwärtigen kulturpolitischen Bedingungen auch für Österreich hoffnungsvoll ist, auch wenn das Problem weder privat, noch musikalisch leicht für den Musikkünstler in Harmonie zu bringen ist.

Kurzprofil JON REGEN (geb. am 8.5.1970 in New Jersey / USA, Sternbild Stier) gilt momentan als "die" Entdeckung New Yorks. Der Pianist, Komponist und Sänger wird „Billy Joel des Souls“ genannt, wobei er das Jazzklavier in überdurchschnittlichem Maß beherrscht. Nach purer Jazz-CD Tel Aviv 2001, zweijähriger Tour mit dem legendären Jazzsänger Jimmy Scott und zuvor Bassist Kyle Eastwood, gründete er sein eigenes Trio mit Drummer Eric Addeo sowie Bassgrandiosum Jonathan Sanborn, Sohn des Saxers David Sanborn. Mit der Stimme eines Schwarzen, berührend-poetischen Texten in rhythmischen Songs sowie pianistischem Können beeindruckt Regen nicht nur Frauen. In der 2004 erschienenen CD Almost Home definiert er die Schnittstelle von Blues, Jazz und Song neu. Im April 2007 erscheint seine neue CD Let It Go, wo er mit den Kapazundern der Szene, Brad Albetta als Produzent, Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers, Sängerin Martha Wainwright und Kami Thompson, Schlagzeuger Matt Johnson, Cellistin Julia Kent und Gitarrist Jimmy Vivino zusammen arbeitet. - Wieder ein gänzlich neuer Auftritt, indem er eine weitere Facette seiner Selbst realisiert.

- In welcher Verbindung Jon Regen zu Jazz-Bandleader Kyle Eastwood und dem Underground- Club- Jazz- Genre steht, erfährt man über intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / WATCHER (bzw. TIPPS) / Archives: March. Titel: TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN

- Die Kritik zu Jon Regens Almost Home-Konzert ist zu finden in: intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / CRITIC / Archives: February. Titel: MUSIK: ENTDECKUNG JON REGEN AUF "ALMOST HOME"-TOUR IN WIEN



Private u
nd künstlerische Freiheit als Gegensatz

Text (Deutsch-Annäherung zu) - Jon Regens Song
What Am I Supposed To Do From Here/
Was soll ich von hier aus tun?
(in CD: Almost Home, 2004)


intimacy-art: Was ist für Sie "Freiheit"?
JON REGEN: Die Möglichkeit, den eigenen Kurs zu wählen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ob nun in der Musik oder im Leben.
intimacy-art: Brauchen Sie diese Freiheit auch privat, um sich wohl zu fühlen?
REGEN: Ich habe zumindest das Bedürfnis, die Grenzen in mir zu erforschen und sie gegebenenfalls niederzureißen. Außerdem möchte ich nirgends hinein geboxt werden. Weder musikalisch, noch in einen Job, von dem die Gesellschaft meint, er entspräche einer normalen Existenz. Musiker geworden, bin ich nur wegen der Musik. Da die Freiheit vor allem dem Jazz innewohnt, muß sie als Lebensstil nun mal mit erforscht werden.
intimacy-art: Mein Eindruck war aufgrund Ihrer Musiktexte in "Almost Home", dass Sie eher eine Schutzzone brauchen. Also eigentlich das Gegenteil von privater Freiheit.
REGEN: Diese Lieder schrieb ich während einer Zeit, als ich mit dem Jazzsänger Jimmy Scott tourte. Ich wollte einerseits das erste Mal lieber zuhause sein, weil ich gerade eine Beziehung eingegangen war, andererseits war ich glücklich darüber, meine Träume des Jazzreisens endlich als bewahrheitet zu erleben. Das war sehr hart.
intimacy-art: Wollen Sie privat genauso frei sein wie als Künstler?- Viele Männer wollen ja intim frei sein, indem sie jede Nähe meiden.
REGEN: Meinen Sie sexuelle oder romantische Freiheit?
intimacy-art: In jeder Hinsicht. Diese Männer haben Sex, aber es ist ein kalter Sex.
REGEN: Nein, nach so einer Freiheit sehne ich mich nicht wirklich. Ich glaube, wir suchen alle nach einer Heimat, nach jemandem, mit dem wir das Leben durchlaufen wollen. Das halte ich für eine schöne Sache.
intimacy-art: Aber in den Momenten, als Sie diese Lieder schrieben, wirken Sie verloren und verlassen. War das so?
REGEN: Diese CD schöpft aus einer sehr herausfordernden Beziehung, wobei einige Songs aus dieser Art von Rollenspiel heraus geschrieben wurden. Aus meiner Vorstellung zu fragen: "Was wäre, wenn diese Beziehung perfekt wäre, sodass ich nach hause kommen wollte?" Tatsächlich war sie sehr schwierig. Der autobiografischste Song ist wohl, What Am I Supposed To Do From Here, den ich an diese Person als Liebesbrief geschrieben habe, der sagt: "Ich weiß nicht, wie ich sein soll, damit ich bin, wie du willst, dass ich bin." Das haben Sie also treffend wahrgenommen. Es ist ein autobiografisch-poetisches Album, worin ich zwischen zwei Orten pendle und um eine Lösung ringe.
intimacy-art: Es ist sicher Ihre persönlichste CD.

Von der Persönlichkeit zur Popularität

REGEN: Gleichzeitig hat sie etwas Leichtes und Frisches, als erste CD mit Liedern, Text und Gesang von mir. Die neue CD wird viel - dunkler nicht, aber - tiefer, indem sie ausforscht, was passiert, wenn alles auseinander fällt, und man sich von dort aus weiter zu bewegen versucht. Lieder-Schreiben ist also eine Reise. Und den Ort, wo ich jetzt bin, empfinde ich als sehr, sehr befriedigend. Weil ich mich dem nähere, wo ich meine eigene Geschichte erzähle.
intimacy-art: Mir kommt das nicht ganz so vor. - Das wollen wir aber aufrollen. - Wie muss das Umfeld sein, dass Sie sich künstlerisch frei fühlen?
REGEN: Ich bin sehr darauf konzentriert, zu entscheiden, was ich spielen will. Selbst im jetzigen Punkt meiner Karriere, wo mich dauernd Leute bitten, bestimmte Lieder und Stile zu spielen.
intimacy-art: Ich habe das Gefühl, Sie wollen in Ihrer neuen CD populärer sein.
REGEN: In negativem Sinne?
intimacy-art: Ohne es zu bewerten. - Wären Sie gerne populärer?
REGEN: Es sollen zumindest mehr Leute meine Musik hören. Im Sinn von Geld und Ruhm möchte ich nicht populärer sein. Als Künstler willst du möglichst viele Menschen berühren. Du machst die Musik nicht für die Familie, deine vier Wände.
intimacy-art: Für mich halten Sie in der Jazz-CD "Tel Aviv" das hohe Niveau in der Musik, also im Klavierspiel, wie in "Almost Home" im persönlichen Touch, insbesondere durch Text und Gesang. "Let It Go" scheint mit Produzent Brad Albetta und The-Police-Gitarrist Andy Summers Popularmusik mit Underground-Flair zu werden, wo sich das Niveau auf mehrere Leute aufteilt.
REGEN: Wir haben alle viele Seiten in uns. Brad Albetta steckte mich jetzt mit der Idee an, meine Lieder und meine Stimme so zu rahmen, dass sie wirklich die CD ausmachen. Und da ich mir dachte, nicht alles selber machen zu können, ich zudem Lust auf Neues hatte, war das für mich ein sehr interessanter Prozeß. Außerdem ist Andy Summers ein Freund von mir, mit dem ich immer spielen wollte. "The Police" war immer schon meine Lieblingsband.
intimacy-art: Sie haben aber eine andere Stimme als Sting. Sie könnten sogar Rock singen. Sie haben eine herbe, männliche Färbung.
REGEN: Hoffentlich. Aber wissen Sie, im Vergleich zu anderen Jazzmusikern, bin ich nicht darin gefangen, die Vergangenheit wieder zu erwecken, indem ich immerzu dieselbe CD "wiederhole". Ich mache lauter verschiedene CDs. Das sollte das Prinzip sein.

Jazz mit der Sensibilität des Pops

intimacy-art: Aber bei "Almost Home" denkt man auch an Billy Joel, vielleicht gemixt mit Jamie Cullum. - Mögen Sie Billy Joel?
REGEN: Ich liebe ihn. - Als amerikanischer Pianist wächst du mit bestimmten Leuten auf, die deine Helden sind. Ich bin ein Kind der 80-er. Mich beschäftigten Billy Joel und Bruce Hornsby, Leute, die wirklich einen eigenen Klang am Piano haben. Ich selbst versuchte immer schon, auch "Jazz" mit der Sensibilität eines Pop-Musikers zu spielen. In der Popmusik hast Du nur ein paar Minuten, um jemanden zu berühren. Beim Jazz spielen die Musiker zwanzig Minuten und sind noch immer nur selbst gefangen. Das stört mich. Ich gehe davon aus, dass die Leute irgendwo hin getragen werden wollen. Die Musik bedeutet für sie so viel wie für mich als Spieler.
intimacy-art: Wahrscheinlich gehen Sie den umgekehrten Weg als Leute wie ich, die zuerst Pop mochten und heute Jazz und Klassik bevorzugen.
REGEN: Ich wuchs mit Liedern auf, dann studierte ich das Piano, wo ich mich zum Jazz hingezogen fühlte. Und fand zurück zu den Liedern. Denn für mich ist ein guter Song zeitlos. Wie Jazz-Standards, sodass die Leute noch My Funny Valentine hören wollen. Das Lied hat ein Leben für sich selbst. Ich wollte ein paar solche Lieder schreiben. Mir geht es um die Melodie, die Message, die Berührung von jemandem, der nicht unbedingt ein Jazz-Freak sein muß, sondern sagt: "Ich weiß nicht, was ich mag; ich weiß nicht, wie ich es nennen soll; aber ich mag, was du machst."
intimacy-art: Vielleicht geht es Ihnen wie mir im Journalismus: Ich möchte in eine Ebene gelangen, wo ich eine bestimmte, intellektuelle Qualität halte, also nicht nur ein Standard-Interview mache, aber gleichzeitig mehr Leute erreiche, als die elitäre Kultur-Gemeinschaft.
REGEN: Sagen wir so: Ich möchte auf höchstem künstlerischem Niveau arbeiten, und gerade deshalb soll die Musik viele Leute anziehen. Ich bin kein Popmusiker, obwohl ich Popmusik liebe. Ich selbst möchte nur immer besser schreiben und spielen. Und jedes Lied und jede CD muß sich vom Vorigen unterscheiden. Auf Let It Go ist einiges jazziger, einiges popiger, einiges sehr produziert und einiges sehr nackt: nur mit mir und dem Piano.

Wie Persönliches persönlich kommt

intimacy-art: Wird der Text wieder persönlich?
REGEN: Noch persönlicher.
intimacy-art: Ich habe zwar nur den Text von "Come Close To Me" gehört, mir aber gedacht, diese Erotikbeschreibung kommt mir vom Pop her bekannt vor.
REGEN: Welches Gefühl wurde denn nicht schon vorher in der Popmusik geäußert?
intimacy-art: Den Text in "Almost Home" finde ich poetischer. Der Neue ist direkter, geht aber Hand in Hand mit dem popigeren Sound.
REGEN: Sie sollten genauer hin hören: Dieser Song wurde sehr spät in der Nacht geschrieben. Es war eine Liebesbekundung an jemanden. Tatsächlich schrieb ich ihn nach einer Periode, wo ich sehr lange Zeit allein gewesen war. Dann kam diese Person, die mich wirklich aufgeweckt hat. Und es geht nicht nur um sexuelle Energie. Da gibt es diese Zeile ...
intimacy-art: ... "Fühlst du, wie nah wir uns heute Nacht sind? Du bist so tief in mir. Ich möchte deinen Atem spüren und habe tausend mal davon geträumt." - Das hat sich jeder schon einmal gedacht.
REGEN: Es ist ein universelles Gefühl.
intimacy-art: Ja, es ist auch nett, dass Sie es sagen. Aber ich habe es nicht so geglaubt, wie die Texte in "Almost Home". Ich hab´s irgendwie konstruiert empfunden. Aber vielleicht irre ich mich.
REGEN: Sie müssen es hören, wenn es heraus kommt.
intimacy-art: Ja. - Sie wurden also nicht populärer, weil sie jetzt verheiratet sind und eine Familie gründen wollen?
REGEN: Nun, ich bin nicht verheiratet. Ich war verheiratet.
intimacy-art: Ah, das ist schon wieder vorbei?!
REGEN: Das dauerte nur sehr kurze Zeit. - Wie war die Frage?
intimacy-art: Werden Sie populärer, um eine Familie gründen und ein sicheres Leben führen zu können?
REGEN: Dass ich deshalb weniger populär sein will?
intimacy-art: Ich dachte: Sie wollen mehr Geld verdienen, um Ihre Familie ernähren zu können.
REGEN: Nein, ich treffe nie Musik-Entscheidungen wegen des Geldes.
intimacy-art: Aber wir wissen doch, dass Jazz-Musiker oft nicht mal genug Geld zum Essen haben.
REGEN (lacht)
intimacy-art: Vielleicht waren Sie ja nie in der Situation ...
REGEN: Haben Sie das Gefühl, dass ich meine Musik wegen des Geldes mache?
intimacy-art: Nein. Aber es sind Lieder, die "gefallen".
REGEN: Nun, Sie haben da ein Lied gehört, das das Poplastigste auf dem Album ist. Die neue CD enthält viele verschiedene Gefühle. Als Songwriter sage ich: Ein Song muß bedient werden. Wenn ein Song eher populär ist, werde ich ihn nicht in ein extra-künstlerisches Setting setzen, nur damit die Leute nicht sagen: "Ah, du mußtest populärer werden!" Und dass ich Andy Summers auf der CD habe, war eine gänzlich künstlerische Entscheidung. Ich ließ ihn machen, was er wollte und sagte: "Spiel, was du hörst und was du fühlst." Ich treffe keine Musikentscheidungen, die auf Geld beruhen. Hoffentlich machst du aber Geld mit der Musik, die du zu machen liebst.

Da dieses Gespräch vor Regens Konzert stattfindet, muß der Singer-Songwriter kurz für einen Toncheck unterbrechen. So tun auch wir das an dieser Stelle.

Im letzten Teil 2 bald auf dieser Site: Wie Jon Regen im Elternhaus den Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst mit bekam und welche zwiespältigen Gefühle tatsächlich hinter seinen Liedern stecken.
(Interview-Auszug vom 03.02.2007, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Englisch) über intimacy-art@gmx.at)